
Mitte November. Es war einer dieser Abende, an denen ich eigentlich schon beim ersten Kaffee hätte wissen müssen, dass das nichts wird. Ich saß in meiner kleinen Bastelecke, die Heizung hat leise geknackt, und vor mir lag wieder dieses 'Vogelnest'. Ein Knäuel aus Wolle, so fest in den Schlitten verkeilt, dass gar nichts mehr ging.
In meinem Lerntagebuch steht für diesen Tag eine Notiz, die ich heute fast schon lustig finde: Vier Stunden Arbeit, nur zwei Zentimeter völlig zerfetztes Gestrick produziert. Frust-Level: 10 von 10. Ich hatte diese alte Brother für 60 Euro vom Flohmarkt im Frühjahr gekauft und dachte, ich hätte alles verstanden. Aber diesen schweren Metallbügel vorne am Schlitten – den Abstreifer – den hatte ich einfach ignoriert. Ich dachte, der ist nur zur Zierde da oder so eine Art Stoßstange.
Was dieses schwere Ding eigentlich macht (außer im Weg zu sein)
Ich hab mich dann hingesetzt und wirklich mal recherchiert. Stell dir vor, du häkelst. Da hältst du mit deinem linken Zeigefinger die Maschen fest nach unten, damit du mit der Nadel oben durchstechen kannst. Wenn du das nicht machst, rutscht die ganze Arbeit einfach mit der Nadel mit hoch. Genau das ist der Job vom Abstreifer beim Maschinenstricken.
Meine Maschine hat einen Nadelabstand von 4.5 mm – das ist Standard bei diesen Brother-Feinstrickern. Wenn der Schlitten über diese winzigen Nadeln saust, wollen die Maschen physikalisch gesehen einfach nach oben flüchten. Der Abstreifer (auch Sinker Plate genannt) drückt das Gestrick quasi auf das Nadelbett, damit die Nadeln in Ruhe ihre Arbeit machen können. Ohne ihn? Maschensalat pur. Als hätte man beim Kochen vergessen, den Deckel auf den Mixer zu machen.

Die vier Räder des Schreckens: Bürsten und Gummi
Als ich mir das Teil dann mal von unten angesehen habe, wurde mir einiges klar. Da sind insgesamt 4 kleine Räder dran. Zwei davon sind aus Gummi, die anderen zwei sind so kleine Bürstenrädchen. Bei meiner 40 Jahre alten Maschine sahen die aus wie aus einem Gruselfilm. Da hingen Staubflusen drin, die wahrscheinlich älter sind als ich.
Eines der Gummirädchen war komplett festgefressen – 'frozen', wie man in den Foren sagt. Es hat sich keinen Millimeter mehr bewegt. Kein Wunder, dass der Schlitten immer gestockt hat! Ich hab dann eine alte Zahnbürste und ein bisschen Reinigungsbenzin genommen. Dieser Geruch nach altem Maschinenöl und Staub, der mir dabei in die Nase stieg... das hatte was von Werkstatt-Romantik, auch wenn ich eigentlich nur im Schlafanzug auf dem Teppich saß.
Ich habe jedes einzelne Rädchen geschrubbt, bis es wieder leichtgängig war. Es ist wie beim Backen: Wenn die Rührhaken vom Mixer verklebt sind, wird der Teig auch nichts. Übrigens, falls du dich fragst, warum deine Randmaschen immer so hässlich werden – oft liegt es genau an diesen Bürsten, die nicht mehr richtig greifen. Ein Blick in meine Anleitung für saubere Randmaschen an der Strickmaschine hätte mir damals auch geholfen, aber ich wollte es ja auf die harte Tour lernen.
Warum moderner Garn den Abstreifer hasst
Jetzt kommt aber mein eigentlicher 'Aha'-Moment, den ich erst viel später, so gegen Ende März, kapiert habe. Man denkt ja immer: Viel hilft viel. Also Abstreifer festknallen und die Bürsten so tief wie möglich einstellen. Aber ich habe gemerkt, dass genau das bei modernen, elastischen Garnen das Problem ist.
Entgegen der gängigen Meinung ist der Abstreifer nämlich oft die Hauptursache für Laufmaschen. Wenn der Druck der Bürsten zu stark ist, dehnen sie die frischen Maschenschlingen unnötig weit aus, bevor sie überhaupt richtig abgeschlagen sind. Das Garn wird regelrecht 'gestresst'. Ich habe angefangen, mit dem Rädchen für die Fadenspannung (das geht bei mir von 0 bis 10) zu experimentieren und den Abstreifer nur so fest wie nötig zu justieren.

Es ist ein bisschen wie beim Bügeln von Seide: Wenn du zu fest drückst, machst du mehr kaputt als glatt. Man braucht dieses Fingerspitzengefühl, das man beim Handstricken im Handgelenk hat, hier in den mechanischen Einstellungen. Ich hab mir damals oft gewünscht, ich könnte durch das Metall durchgucken, um zu sehen, was da schiefgeht. Warum die gläserne Strickmaschine mir bei Strickmustern wirklich hilft, habe ich ja schon mal beschrieben – da sieht man diesen ganzen Prozess der Maschenbildung viel besser.
Der Moment, in dem es 'Klick' machte
Es war ein kalter Samstagmorgen, ich hatte mir vorgenommen, nicht aufzugeben. Ich setzte den Abstreifer an, schob ihn vorsichtig auf den Schlitten und dann hörte ich es: dieses satte, metallische 'Klick'. Zum ersten Mal saß das Teil absolut plan auf. Ich hatte vorher wohl immer die Schrauben schief angezogen.
Ich hab die Fadenspannung auf 5 gestellt, den Schlitten sanft angeschoben... und er glitt. Kein Rattern, kein Reißen. In meinem Tagebuch steht unter diesem Tag nur ein Wort in Großbuchstaben: ERFOLG. In der Textiltechnik nennt man diesen Vorgang des Niederhaltens der Maschen übrigens 'Abschlagen'. Klingt brutal, ist aber eigentlich sehr sanft, wenn alles richtig eingestellt ist.
Was ich auch gelernt habe: Man darf den Abstreifer nie ohne Wolle über die Nadeln schieben, wenn diese in Arbeitsposition stehen. Das verbiegt die kleinen Bürstenhaare schneller, als man 'Upsi' sagen kann. Und neue Bürstenräder für eine alte Brother zu finden, ist gar nicht so einfach – oder zumindest teurer, als man denkt.

Mein Fazit für alle anderen Anfänger
Wenn dein Schlitten zickt, schau nicht nur auf die Nadeln. Schau dir diesen Metallbügel an. Sind die Rädchen sauber? Drehen sie sich? Ist der Abstreifer wirklich gerade eingerastet? Es sind oft diese kleinen mechanischen Dinge, die uns den Abend versauen. Ich hab auch gemerkt, dass der Abstreifer Hand in Hand mit der Sperrschiene arbeitet. Wenn die Schiene platt ist, kann der beste Abstreifer der Welt nichts mehr retten. Aber das ist eine andere Geschichte, über die ich auch schon mal geflucht habe, schau mal hier: Warum die Sperrschiene bei der Brother Strickmaschine so wichtig ist.
Heute, fast ein Jahr nachdem ich diese 60 Euro auf dem Flohmarkt ausgegeben habe, habe ich immer noch Momente, in denen ich am liebsten alles aus dem Fenster werfen würde. Aber wenn ich dann sehe, wie ein perfekt glattes Stück glatt rechts von der Maschine rollt, nur weil ich die Bürsten am Abstreifer kurz mit der Zahnbürste gestreichelt habe... dann ist die Welt wieder in Ordnung. Strickmaschinen sind eben auch nur Menschen – sie brauchen ein bisschen Aufmerksamkeit und ab und zu eine gründliche Reinigung.