
Der Schlitten läuft glatt durch, jede Masche bleibt brav auf ihrer Nadel – bis auf die beiden äußersten links, die als lose Schlaufe einfach durchhängen. Genau an diesem Punkt hängen die meisten Anfängerinnen an der Strickmaschine irgendwann fest. Für saubere Randmaschen gibt es nämlich nicht die eine Lösung, sondern zwei Wege, die sich in der Praxis ziemlich unterscheiden, und je nachdem, mit welchem Garn du gerade an deiner Brother-KH sitzt, hilft dir der eine schneller weiter als der andere.
Zwei lose Randmaschen, ein Rätsel
Das Problem klingt nach einem einzigen Fehler. Ist es aber nicht. Die losen Schlaufen entstehen, weil der Schlitten beim Richtungswechsel den Faden nicht von selbst strammzieht – die Nadeln in der Mitte vom Bett bekommen genug Zug ab, die äußersten zwei oder drei eben nicht. Das ist übrigens nicht dasselbe wie Maschenfall, wo dir mitten in der Reihe ganze Maschen von der Nadel rutschen. Das ist eine andere Geschichte, mit anderen Ursachen. Eine Freundin von mir stickt für ihr Leben gern, hauptsächlich Kreuzstich, und wenn ich ihr von ausgefransten Maschinenrändern erzähle, schüttelt sie nur den Kopf. Bei ihr bleibt jeder Stich exakt da, wo er hingehört.

Gewichte nachhängen oder Randnadel schieben
Der erste Weg, den fast jede Anleitung zuerst nennt: mehr Gewicht an den Rand hängen. Klingt logisch. Macht am Anfang aber selten den Unterschied, den man sich erhofft. In einer Facebook-Gruppe für Maschinenstricken hab ich das mal gefragt und drei komplett widersprüchliche Antworten bekommen. Die eine schwört auf möglichst viel Gewicht, die nächste warnt, dass zu viel Zug die Randmasche eher reißen lässt. Genau deshalb lohnt es sich auch, mal nachzulesen, warum die Sperrschiene bei der Brother Strickmaschine so wichtig ist – wenn die durchhängt, bringt das beste Gewicht-Nachhängen nichts. Weitergeholfen hat mir am Ende Bertl Wanninger, ein Rentner aus einem Maschinenstrick-Onlineforum. Er kennt Tricks, die er nie irgendwo aufgeschrieben hat und die man deshalb auch nirgends googeln kann.

Unbequemer, dafür gezielter, ist der zweite Weg: die äußerste Randnadel von Hand ein Stück nach vorne schieben, in die E-Position, kurz bevor der Schlitten sie erreicht. Die E-Position gehört zu den Nadelpositionen, die an der Brother sowieso eine eigene Erklärung verdienen. Nach dem Ölen riechen die Nadeln noch eine Weile leicht metallisch, und genau dann merkt man am ehesten, ob der Schlitten wirklich leicht genug über die Randnadel gleitet oder irgendwo hakt. Selbst wer die Maschine tadellos eingefädelt hat, kann trotzdem lose Randmaschen bekommen. Das sind zwei komplett getrennte Baustellen. Mit der Maschenprobe, die vor allem für die Größenberechnung zählt, hat das direkt auch nichts zu tun.

Warum lockerer manchmal die bessere Wahl ist
Beide Techniken gehen davon aus, dass der Rand insgesamt fester werden soll. Bei glattem, festem Garn stimmt das meistens auch. Bei flauschigem oder unregelmäßigem Garn dreht sich die Sache aber um: Statt die Randmasche künstlich zu straffen, hilft es öfter, sie bewusst lockerer zu lassen, damit sich die Spannung gleichmäßig über das ganze Nadelbett verteilt statt nur am Rand zu reißen. Welches Garn grundsätzlich zu einer Brother passt, ist nochmal eine andere Frage, aber für den Rand macht es definitiv einen Unterschied, ob der Faden glatt oder flauschig von der Kone läuft. Die Fadenspannung an der Antenne spielt zusätzlich mit rein, aber das ist ein eigenes Kapitel für sich. Das merkt man besonders deutlich, sobald man sich an Streifen stricken und bunte Farbwechsel lernen herantraut – jedes Garn zieht anders am Rand, und der Vergleich zwischen fest und locker fängt praktisch von vorn an.
Den Wickelanschlag nicht unterschätzen
Wer die Randmasche erst beim Stricken selbst in den Griff bekommen will, fängt eigentlich zu spät an. Ein schiefer Wickelanschlag rächt sich am Rand über die ganze Länge des Stücks – diesen Zusammenhang hat mir am Anfang niemand erklärt. Wie die Maschenbildung dahinter im Detail funktioniert, sieht man ganz gut an einer gläserne Strickmaschine im Test, aber das ist nochmal ein eigenes Thema für sich. Mit dem Abketten am Ende der Arbeit hat die Randmasche unterwegs übrigens auch nichts zu tun, das kommt ja erst ganz zum Schluss dran.
Meine Faustregel für den Nadelbett-Alltag
Wenn du mit glattem, festem Garn arbeitest und der Rand insgesamt zu locker wirkt, hilft die Kombination aus Gewicht-Nachhängen und Randnadel-Technik am schnellsten weiter. Bei flauschigem oder ungleichmäßigem Garn, das sich sowieso schon einrollen will, lohnt sich eher die bewusst lockere Randmasche, notfalls unterstützt durch die E-Position, aber ohne zusätzliches Gewicht. In meinem Strick-Tagebuch stehen inzwischen beide Varianten nebeneinander, mit Pfeilen, welches Garn zu welcher Lösung passt – praktischer als jede feste Regel, die für alle Garne gleich gelten soll.

Am Ende bringt die Kombination mehr als jede Einzellösung für sich: erst beim Wickelanschlag sauber anfangen, dann je nach Garn zwischen Gewicht, Randnadel und bewusster Lockerheit wählen. Und wenn der Rand trotzdem mal wieder ausleiert. Kein Drama, einfach neu einfädeln und in Ruhe eine Reihe probieren.