
Einen grauen Novembernachmittag lang saß ich in meiner kleinen Ecke in Augsburg und starrte auf einen halbfertigen Schal, dessen Ränder eher wie ein löchriges Fischernetz aussahen als wie Gestricktes. Ich sag’s dir, wie es ist: Ich war kurz davor, das ganze Ding samt der 60-Euro-Brother aus dem Fenster zu werfen. In meinem Lerntagebuch stand unter 'Woche 32' nur ein verzweifeltes 'Warum sind die Schlaufen links immer so riesig?'.
Das Rätsel der schlabberigen Ränder
Vielleicht kennst du das vom Häkeln – wenn man am Ende der Reihe die Wendeluftmasche vergisst, wird alles schief. Aber an der Strickmaschine ist das eine ganz andere Hausnummer. Da gibt es keine Wendeluftmasche, da gibt es nur den Schlitten, der hin und her saust, und diese winzigen Nadeln mit einem Standard-Nadelabstand von 4,5 mm bei meiner Brother. Eigentlich logisch, oder? Aber mein Schlitten hat beim Richtungswechsel den Faden einfach nicht strammgezogen.
Ich saß da, die Heizung hat leise geknackt, und ich habe einfach nicht verstanden, warum die Maschine auf der einen Seite brav ist und auf der anderen diese hässlichen 'Ohren' produziert. Es war dieser Moment, in dem ich das Gestrick von der Maschine nahm und sah, dass der linke Rand durch die losen Schlaufen fast drei Zentimeter länger war als der rechte. Ich hätte heulen können. Stundenlang gearbeitet für etwas, das aussieht wie ein Unfall in der Textilfabrik.

Der Kampf mit den Gewichten
In meiner Verzweiflung dachte ich: Mehr Gewicht hilft mehr. Ich habe also alles an Krallengewichten drangehängt, was ich im Zubehörkasten gefunden habe. Kennst du das, wenn man beim Kochen denkt, mehr Salz rettet die Suppe? Genau so war das. Mein Tagebuch verzeichnete in dieser Zeit Ende Januar mehr Frust-Stunden als echten Strick-Fortschritt. Ich habe die Gewichte so extrem nach oben gezogen, dass mir die Randmaschen fast gerissen wären.
Das Problem bei den 200 Nadeln auf dem Nadelbett ist ja, dass die Mitte oft super aussieht, aber die äußeren zwei, drei Nadeln einfach nicht genug Zug bekommen. Wenn man dann die Krallengewichte nicht ständig nachhängt – und ich meine wirklich alle paar Reihen –, dann passiert es. Das metallische Klicken der Nadeln, wenn der Schlitten darübergleitet, ist eigentlich ein beruhigendes Geräusch. Aber dann kommt dieses plötzliche, leise Pling, wenn eine Randmasche unbemerkt von der Nadel rutscht. Ein Geräusch, das ich mittlerweile im Schlaf erkenne.
Die Fadenspannung: Zwischen 0 und 10
Ich habe dann angefangen, an der Maschenweite zu drehen. Der Einstellungsbereich geht ja von 0 bis 10, und ich dachte, wenn ich es einfach ganz fest einstelle, müssen die Ränder doch besser werden. Spoiler: Nein. Wenn die Spannung oben an der Antenne (dieser langen Feder, die den Faden hält) nicht stimmt, nützt die Einstellung am Schlitten gar nichts. Der Faden muss beim Richtungswechsel immer unter leichter Spannung bleiben, wie eine Angelschnur, an der gerade ein kleiner Fisch zupft.
Ich habe gelernt, dass die Fadenspannungseinheit wirklich das Herzstück ist. Wenn der Faden dort nicht richtig in den Scheiben sitzt, hat man verloren. Das ist ein bisschen wie beim Einfädeln der Nähmaschine – ein kleiner Fehler und alles verheddert sich. Irgendwann im Februar dachte ich mir, ich schaue mir das mal genauer an. In einem anderen Eintrag habe ich darüber geschrieben, warum die Sperrschiene bei der Brother Strickmaschine so wichtig ist, denn wenn die durchhängt, helfen auch die besten Tipps für Randmaschen nichts.

Der Trick mit der E-Position
Der eigentliche Wendepunkt kam nach etwa vier Monaten des Ausprobierens. Ich habe in einem alten Forum gelesen, dass man der Maschine 'helfen' kann. Seitdem schiebe ich die letzte Nadel auf der Seite, zu der der Schlitten fährt, manuell ein Stück nach vorne in die E-Position (oder zumindest so weit, dass sie sicher gefasst wird). Das fühlt sich am Anfang total umständlich an, fast so, als würde man bei einem Auto während der Fahrt die Reifen festhalten.
Aber es funktioniert! Wenn der Schlitten über die Nadel in E-Position fährt, bildet sich die Masche viel sauberer. Oder ich führe den Faden beim ersten Nadelkontakt ganz leicht mit der Hand. Man bekommt mit der Zeit ein Gefühl dafür, wie viel Zug nötig ist. Es ist kein grobes Ziehen, eher ein sanftes Begleiten, so wie man ein Kind an der Hand führt, damit es nicht stolpert. Das hat meine Ränder von 'Fischernetz' zu 'vorzeigbar' befördert.
Warum locker manchmal besser ist
Jetzt kommt aber der Punkt, der mich völlig irritiert hat – und das ist mein ganz persönlicher 'Aha-Moment'. Man denkt ja immer, alles muss stramm sein. Aber ich habe festgestellt: Statt die Randmaschen künstlich zu straffen, solltest du sie bei bestimmten Garnen, gerade wenn sie ein bisschen flauschig oder unregelmäßig sind, bewusst lockerer lassen. Das klingt total unlogisch, oder?
Aber wenn man die Spannung am Nadelbett gleichmäßig verteilt, statt nur an den Rändern zu reißen, legen sich die Maschen viel natürlicher. Wenn der Rand zu fest ist, fängt das ganze Gestrick an, sich einzurollen wie eine beleidigte Assel. Das habe ich besonders gemerkt, als ich angefangen habe, Streifen zu stricken und bunte Farbwechsel zu lernen. Da ziehen die verschiedenen Garne nämlich alle unterschiedlich am Rand.

Reflektion im Frühling
Wenn ich heute, im März, meine alten Notizen lese, muss ich fast ein bisschen über mich selbst lachen. Da steht 'Hilfe, die Maschine hasst mich' neben einer Skizze von einer völlig verhedderten Wolle. Heute sind die Ränder so gerade, dass ich sie nicht mehr in einer Naht verstecken muss, um mich nicht zu schämen. Ich kann sogar Schals stricken, die man von beiden Seiten anschauen kann!
Es hat mich viel Geduld gekostet und sicher einige Knäuel Wolle, die jetzt nur noch als Füllmaterial für Kissen taugen. Aber dieses Gefühl, wenn man das Gestrick abwirft und der Rand ist schnurgerade... das ist besser als jeder Kuchen beim Bäcker in Augsburg. Ich habe neulich sogar darüber nachgedacht, wie viel einfacher alles gewesen wäre, wenn ich früher eine gläserne Strickmaschine im Test gesehen hätte, um endlich diese verflixte Maschenbildung richtig zu verstehen.
Meine kleine Checkliste für dich
- Gewichte nachhängen: Alle 10 bis 15 Reihen die Krallengewichte an den Rand setzen. Nicht vergessen!
- Fadenspannung prüfen: Die Antenne muss oben 'wippen'. Wenn sie schlaff runterhängt, ist der Faden zu locker.
- Manuelle Hilfe: Die Randnadeln ein Stück nach vorne schieben, bevor der Schlitten kommt.
- Garnliebe: Achte darauf, dass der Faden leicht von der Kone läuft. Wenn er stockt, zieht es die Randmasche hoch.

Am Ende ist es wie mit allem beim Maschinenstricken: Man muss die Maschine erst einmal 'riechen' können. Sie ist keine unfehlbare Computer-Einheit, sondern ein mechanisches Etwas, das ein bisschen Zuneigung (und manchmal einen Schubs an der Randnadel) braucht. Wenn du also gerade vor deiner Brother sitzt und die Schlaufen dich angrinsen – atme tief durch, hol dir einen Kaffee und häng die Gewichte neu nach. Das wird schon!