
Mitte Februar, kurz nach acht Uhr abends. Ich sitze wieder im Keller vor meiner alten Brother, die Finger riechen nach diesem typischen, leicht strengen Maschinenöl und ich starre auf ein blau-gelbes Knäuel. Eigentlich sollte das ein moderner Streifenschal werden, aber momentan sieht es eher so aus, als hätte ein explodiertes Kissen versucht, sich an den Nadeln festzuhalten.
Ich führe jetzt seit fast einem Jahr mein Lerntagebuch und wenn ich die Einträge vom letzten Frühjahr lese, muss ich fast lachen. Damals dachte ich, Streifen wären einfach: 'Marlies, du wechselst halt den Faden, wie beim Häkeln.' Von wegen. Meine Brother hat 200 Nadeln auf dem Nadelbett und jede einzelne scheint eine eigene Meinung dazu zu haben, wie man mit zwei verschiedenen Farben umgeht.
Der Kampf mit den 200 Nadeln und dem Fadensalat
In den letzten zwei Wochen habe ich bestimmt zwölf Stunden damit verbracht, einfach nur Wollreste hin und her zu schieben. Mein Ziel war klar: Ich wollte weg von den einfarbigen Probelappen. Aber das Problem ist der Übergang. Wenn man den Schlitten rüberschiebt und der neue Faden nicht richtig sitzt, macht es dieses hässliche Geräusch – ein metallisches Klicken, wenn die Nadeln in die Arbeitsposition springen, gefolgt von einem leisen 'Plopp'.
Dieses 'Plopp' ist das Geräusch des Scheiterns. Es bedeutet, dass ein ganzer Streifen gerade einfach vom Nadelbett zu Boden gefallen ist, weil ich den Faden nicht tief genug in den Schlitten gedrückt habe. Es ist frustrierend. Es ist, als würde man beim Backen den Teig perfekt anrühren und dann im letzten Moment die Schüssel fallen lassen.

Ich habe gelernt, dass die Technik an der Strickmaschine viel mit Disziplin zu tun hat. Die Brother hat diesen Galgen mit zwei Fadenspannungseinheiten. Das ist eigentlich genial, weil man zwei Farben gleichzeitig einfädeln kann. Aber man muss eben auch wissen, wie man die Fadenspannung an der Strickmaschine richtig einstellt, sonst zieht sich der Rand des Schals so zusammen, dass er am Ende aussieht wie eine Banane.
Ein verregneter Sonntagnachmittag im März: Der Durchbruch
An einem dieser grauen Sonntage im März habe ich beschlossen, es systematisch anzugehen. Ich habe mir meine Reste geschnappt – alles in der gleichen Stärke, weil ich schon weiß, welche Wolle für die Brother am besten funktioniert (meistens das 4-fädige Sockenwoll-Zeug). Der Nadelabstand von 4,5mm verzeiht einem zwar viel, aber eben nicht alles.
Der wichtigste Trick, den ich an diesem Tag gelernt habe: Der Schlitten muss immer auf der Seite stehen, auf der der neue Faden eingefädelt wird. Klingt logisch? Ist es auch, aber wenn man im Flow ist, vergisst man das. Wenn der Schlitten links steht und man rechts den Faden wechselt, passiert... gar nichts. Außer, dass man beim nächsten Schieben alles abwirft.
Was ich auch unterschätzt habe, sind die Gewichte. Beim Farbwechsel entstehen an den Rändern oft Schlaufen. Ich habe dann angefangen, die Krallen-Gewichte konsequent alle paar Reihen nach oben zu hängen. Das ist ein bisschen wie beim Bügeln – man muss immer schön glattziehen, damit keine Falten (oder in diesem Fall Fallmaschen) entstehen.

Mein Geheimtipp: Der Trick mit der weggelassenen Nadel
Jetzt kommt etwas, das ich in keinem der alten Handbücher gelesen habe, sondern durch pure Verzweiflung selbst herausgefunden habe. Wenn man Kontraststreifen strickt, die richtig scharf aussehen sollen, gibt es ein Problem: Der Übergang ist oft ein bisschen 'wollig' oder unsauber.
Ich habe angefangen, genau an der Stelle, wo ein Farbblock endet, eine Nadel in die Nicht-Arbeitsposition zu schieben. Dadurch entsteht eine winzige Lücke, eine Art künstliche Nahtstelle. Das sieht viel sauberer aus, als wenn man versucht, die Farben direkt ineinander fließen zu lassen. Es gibt dem Ganzen eine Struktur, fast wie bei einem gekauften Designerstück, nur dass es eben von mir ist und nur 60 Euro (plus Wollkosten) gekostet hat.
Das manuelle Umhängen, das oft empfohlen wird, hat mich wahnsinnig gemacht. Wer hat denn die Zeit, bei 200 Nadeln ständig was umzuhängen? Diese Methode mit dem Weglassen von Nadeln ist mein persönlicher kleiner Sieg über die Technik.
Vom Frust zum ersten bunten Schal im April
Eines Abends im späten April war es dann so weit. Ich hatte zwei Wochen lang fast täglich eine Stunde geübt. Mein Lerntagebuch sagt: 14 Stunden Arbeit, drei Kannen Kaffee und mindestens fünfmal kurz davor, die Maschine aus dem Fenster zu werfen. Aber dann: Der erste dreifarbige Schal glitt vom Nadelbett.
Er war nicht perfekt. An einer Stelle hatte ich die Fadenspannung am Schlitten (die ich meistens zwischen 4 und 6 einstelle) versehentlich auf 8 gedreht, was den Streifen dort ein bisschen 'labberig' machte. Aber die Streifen waren da! Klar abgegrenzt, keine Knoten an den Rändern, keine Löcher.

Wenn du auch gerade erst anfängst und dich fragst, warum deine Strickmaschine Maschen verliert, sobald du nur eine andere Farbe anschaust – gib nicht auf. Es ist am Anfang wirklich frustrierend, fast wie beim ersten Mal Häkeln, wenn man immer nur Dreiecke produziert, obwohl man ein Quadrat wollte.
Man muss ein Gefühl für das metallische Klicken bekommen. Man muss lernen, den Geruch von Öl zu lieben und die Tatsache zu akzeptieren, dass man manchmal einfach alles wieder aufribbeln muss. Aber dieser Moment, wenn du den fertigen Streifen-Lappen in den Händen hältst und merkst: 'Ich hab das Ding bezwungen' – das ist unbezahlbar.
Insgesamt habe ich diesen Monat etwa 25 Euro für Wolle ausgegeben (Flohmarkt-Schnäppchen!) und unzählige Nerven. Aber mein Schrank füllt sich langsam mit bunten Versuchen. Und wisst ihr was? Mein nächstes Projekt wird noch bunter. Ich traue mich jetzt an drei Farben gleichzeitig.