
Vielleicht hast du auch schon gedacht, Farbwechsel beim Maschinenstricken seien ungefähr so einfach wie beim Häkeln, einfach den Faden tauschen und weiterarbeiten. Bei meiner ersten Strickmaschine, einer alten Brother KH vom Flohmarkt, war das jedenfalls meine Annahme.
Nein, ist es nicht, und genau an diesem Irrtum scheitern die meisten Anfängerinnen zuerst. Viele Anleitungen predigen, man müsse bei jedem Farbwechsel einzelne Maschen von Hand umhängen. Bei 200 Nadeln auf dem Bett ist das mühsam, fehleranfällig und in den meisten Fällen überflüssig. Der Trick, der bei mir tatsächlich funktioniert, sitzt an einer ganz anderen Stelle: eine einzige Nadel wird genau an der Wechselstelle kurz aus der Arbeitsposition genommen, mehr nicht.
Der Mythos vom Umhängen jeder einzelnen Masche
Diese Idee mit dem manuellen Umhängen stammt vermutlich aus dem Handstricken, wo man ohnehin jede Masche einzeln in der Hand hat. An der Maschine gilt das nicht eins zu eins. Die Technik an der Strickmaschine hat mehr mit Disziplin und Reihenfolge zu tun als mit Fingerfertigkeit. Der Schlitten muss immer auf der Seite stehen, auf der der neue Faden eingefädelt wird – klingt banal, wird aber im Eifer des Gefechts andauernd vergessen.
Wer den Schlitten auf der falschen Seite lässt, produziert beim nächsten Durchgang nur Löcher, keine Streifen. Genauso wichtig ist es, zu wissen, wie man die Fadenspannung an der Strickmaschine richtig einstellt, sonst zieht sich der Schalrand zusammen wie eine überreife Banane. Das ist ein eigenes Thema mit eigener Erklärung, hier nur so viel: ohne saubere Spannung bringt auch die beste Nadeltechnik nichts.

Billige Wolle macht aus jedem Farbwechsel einen Fadensalat
Am Anfang griff ich zu billiger Supermarktwolle, weil sie ein paar Euro günstiger war als alles andere im Regal. Kaum hatte ich den Schlitten zweimal bewegt, hatte sich der Faden schon fest um zwei Nadeln gewickelt, und der ganze Streifen musste wieder runter vom Bett. Das war kein einmaliger Ausrutscher, das passierte mit dieser Wolle immer wieder, bis ich sie komplett aussortiert habe.
Ich nehme seither nur noch Garn, bei dem ich vorher weiß, welche Wolle für die Brother überhaupt geeignet ist, meistens ein vierfädiges Sockenwoll-Garn, das dem Nadelabstand von 4,5 Millimetern nicht widerspricht. Seraphine aus meinem Häkeltreff, die praktisch jeden Wollhändler in Augsburg beim Vornamen kennt, hat mir neulich einen Karton Restwolle aus einem Laden zugesteckt, von dem ich vorher noch nie gehört hatte – genau das richtige Material für Streifen, weil einzelne Reste ohnehin selten für ein großes Projekt reichen.

Wie findet man die richtige Stelle für die ausgelassene Nadel?
Genau an der Stelle, wo ein Farbblock endet, schiebe ich eine Nadel kurz in die Nichtarbeitsposition. Dadurch entsteht eine winzige Lücke, eine Art künstliche Nahtstelle, die den Übergang sauberer macht, als wenn die Farben ineinanderfließen sollen. Das manuelle Umhängen, das in den meisten Anleitungen als einzige Lösung auftaucht, hat mich am Anfang schlicht überfordert – bei 200 Nadeln bleibt dafür im Alltag keine Zeit.
Wenn du dich fragst, warum deine Strickmaschine Maschen verliert, sobald zwei Farben im Spiel sind, liegt das fast immer an genau diesem Übergang und nicht an der Maschine selbst – eine Erkenntnis, die vielen Strick-Anfängerinnen das ständige Neu-Anschlagen erspart. Auch die Maschenprobe spielt bei Streifen eine Rolle, weil sich Garnstärke und Nadelabstand bei jedem Farbwechsel neu addieren, aber das ist ein Rechenthema für sich, das eine eigene ausführliche Erklärung verdient.
Wollreste sinnvoll sortieren, bevor der erste Streifen entsteht
Wollreste verwerten heißt für mich vor allem, vorher zu sortieren, damit während des Strickens nicht ständig gesucht werden muss. Mein Bastelzimmer ist ein Hinterhofzimmer in Göggingen, mehr Abstellkammer als Atelier. Die Maschine steht auf einem alten Eichenschreibtisch aus den Siebzigern, den ich mit zwei Schraubzwingen festgeklemmt habe, statt die Tischplatte anzubohren. An der Fensterseite zum Hof hängen meine Wollproben mit Wäscheklammern, und über dem Tisch sitzt ein kleiner runder Spiegel schräg an der Wand, damit ich die Nadelreihe von oben sehen kann, ohne mich jedes Mal vorzubeugen.
Bevor überhaupt ein Streifen entstehen kann, muss die Maschine natürlich richtig eingefädelt sein, aber das war bei mir zum Glück schon lange erledigt, bevor Farbwechsel überhaupt zum Thema wurden. Die Krallengewichte liegen kalt und überraschend schwer in der Hand, jedes Mal aufs Neue, wenn ich sie nach ein paar Reihen wieder einhänge, damit sich an den Rändern keine Schlaufen bilden.

Wenn ich heute abkette, geht mir keine einzige Masche mehr auf, und das fertige Stück sieht aus, als läge es schon fix und fertig im Regal eines Wollladens. Der Unterschied zu meinem allerersten Streifenversuch, bei dem sich Blau und Gelb wie ein explodiertes Kissen um die Nadeln wickelten, könnte kaum größer sein.
Für alle, die gerade erst mit Farbwechsel an der Strickmaschine anfangen: Die Reihenfolge ist wichtiger als das Talent. Erst die Nadelposition am Wechselpunkt, dann die Gewichte, dann die Wollqualität – wer diese drei Punkte in der richtigen Reihenfolge kontrolliert, muss keine einzige Masche von Hand umhängen. Das ist die kurze Antwort auf die Frage vom Anfang, auch wenn kein Handbuch sie so aufschreibt.