
Woche 34 – oder auch: Der Tag, an dem mein Strickstück endlich keine quadratische Tischdecke mehr war. Es ist jetzt Mitte November, draußen ist es grau, und ich starre auf dieses Ding an meiner Maschine. Es sollte eigentlich ein Vorderteil werden, aber ohne Abnahmen sieht es eher aus wie ein riesiger, formloser Sack. Ich traue mich einfach nicht ran.
Beim Häkeln oder Handstricken ist das alles so logisch, oder? Man häkelt zwei Maschen zusammen, zack, fertig. Aber an meiner alten Brother KH-Serie ist alles so... fest. Da sind diese 200 Nadeln, starr in ihrem Bett, jede genau 4.5 mm von der nächsten entfernt. Die bewegen sich nicht zur Seite, nur vor und zurück. Wie zur Hölle soll man da bitteschön schmaler werden, ohne dass alles in einem riesigen Fadensalat endet?
Das Grauen mit der Deckernadel: Mein erster Versuch
Ich habe also mein Zubehörset rausgekramt. Da liegen diese metallenen Dinger, die aussehen wie Folterwerkzeuge aus dem Mittelalter – die Deckernadeln. Es gibt sie als 1-er, 2-er und 3-er Ausführung. Ich dachte mir: Marlies, sei mutig, nimm die 1-er. Ich wollte ja nur eine Masche am Rand abnehmen. Ich also mit zittrigen Fingern die Masche von der äußersten Nadel geholt. Das kalte Metall der Deckernadel in meiner Hand und das leise 'Klick', wenn die Masche endlich sicher auf dem Haken landet – das war der Moment, in dem ich kurz dachte: Ich hab’s!
Pustekuchen. Beim Versuch, diese eine winzige Schlinge auf die Nachbarnadel zu hängen, ist sie mir natürlich abgeschmiert. Einfach so. Weg. Sie ist im dunklen Gehäuse der Maschine verschwunden, als hätte sie nie existiert. Falls du dich auch gerade fragst, warum verliert meine Strickmaschine Maschen, dann willkommen im Club. Es ist oft genau dieser Moment, wenn man zu viel will und die Nadel nicht weit genug vorschiebt.

Zunehmen ohne Löcher: Ein kleines Wunder
An einem grauen Dienstag im Januar habe ich mich dann am Zunehmen versucht. Ich dachte, ich schiebe einfach eine neue Nadel in Arbeitsposition und der Schlitten macht den Rest. Das Ergebnis? Ein Loch, so groß, dass mein Daumen durchpasste. Sah aus wie gewollt, war aber leider nur Unfähigkeit. Ich habe dann gelernt: Man muss den Querfaden der Vorreihe auf die neue Nadel hängen.
Das frustrierende Geräusch, wenn der Schlitten über eine Nadel rattert, die ich beim Zunehmen nicht weit genug vorgeschoben habe, verfolgt mich heute noch im Schlaf. Es macht so ein metallisches 'Klonk', und man weiß sofort: Das war’s mit der Reihe. Man lernt an der Maschine echt Demut. Und dass man immer drei Mal hinschauen muss, ob alle Zungen der Nadeln auch wirklich offen sind, bevor man drüberfährt.
Der Heureka-Moment: Fully Fashioned (Klingt edel, ist es auch)
Irgendwann nach etwa vier Monaten des Ausprobierens kam der Moment, in dem ich verstanden habe, was 'Fully Fashioned' bedeutet. Das ist dieses schicke Wort für Abnahmen, die man im Gestrick sieht, wie bei den teuren Merinopullis im Laden. Statt nur die äußerste Masche umzuhängen, nimmt man die 2-er oder 3-er Deckernadel, hebt zwei oder drei Maschen ab und setzt sie eine Nadel weiter nach innen.
Dadurch wandert der Rand nach innen, aber die Kante bleibt sauber. Es sieht plötzlich nicht mehr nach 'selbstgemastelt' aus, sondern nach echtem Design. Ich saß da wie ein kleines Kind vor dem Weihnachtsbaum, als ich die erste perfekte Schräge an einem Ärmel gesehen habe. Wer hätte gedacht, dass mich ein paar Metallhaken so glücklich machen können?
Marlies' Geheimtipp: Kurven durch Spannung statt Umhängen
Jetzt kommt aber mein eigentlicher Clou, den ich erst kurz vor Ostern entdeckt habe. Manchmal ist dieses ganze Umgehänge mit den Deckernadeln totaler Overkill, besonders wenn man nur eine ganz leichte Rundung will. Ich habe angefangen, mit der Fadenspannung an der Strickmaschine zu spielen. Wenn ich die Spannung über ein paar Reihen minimal fester drehe, zieht sich das Gestrick ganz subtil zusammen.
Das ersetzt natürlich keine Armkugel, aber für eine leichte Taillierung ist das so viel sauberer! Es gibt keine Knubbel am Rand und es geht viel schneller. Man muss nur höllisch aufpassen, dass man sich das aufschreibt, sonst hat man links eine Wespentaille und rechts einen Sack. Ich führe ja mein Lerntagebuch – da steht inzwischen drin: 'Spannung von 7 auf 6.2 für 10 Reihen'. Klingt fast professionell, oder?

Mein Fazit nach dem Formgebungs-Marathon
Wenn ich heute in mein Tagebuch schaue, sehe ich: Aus den ersten Wochen, in denen ich nur Knoten produziert habe, ist echtes Wissen geworden. Der erste Ärmel, den ich letzte Woche fertiggemacht habe, hat eine richtige Armkugel. Er zupft zwar noch ein bisschen an der Naht, aber hey – er ist rund! Wenn man dann am Ende noch lernt, wie man die Maschen sauber abkettet, sieht das Ganze fast aus wie aus der Boutique.
Es hat mich unzählige Stunden und sicher einige Nerven gekostet (und bestimmt Wolle im Wert von 40 Euro, die jetzt im Müll liegt), aber das Gefühl, wenn die Form stimmt, ist unbezahlbar. Falls du auch gerade vor deiner Brother sitzt und dich nicht an die Deckernadeln traust: Fang einfach an. Nimm eine Kontrastwolle, probier es aus. Es wird schiefgehen, versprochen. Aber beim zehnten Mal macht es 'Klick' – im Kopf und an der Nadel.