Maschen abnehmen und zunehmen an der Strickmaschine: Tipps für die Formgebung

Maschen abnehmen und zunehmen an der Strickmaschine: Nadelbett einer Brother KH mit Deckernadel für die Formgebung

Zweihundert Nadeln, alle exakt 4,5 Millimeter auseinander, und keine einzige bewegt sich zur Seite. Nur vor und zurück. Wer vom Häkeln oder Handstricken kommt, merkt in genau diesem Moment zum ersten Mal, warum Formgebung an der Strickmaschine ein eigenes Thema für sich ist. Beim Häkeln zwei Maschen zusammenhäkeln, fertig - an der Brother KH ist nichts davon so einfach. Genau deshalb sammle ich in meinem Stricktagebuch die Fragen zum Thema Maschinenstricken, die mir am häufigsten gestellt werden, mitsamt den Antworten, die bei mir tatsächlich funktioniert haben.

Wie nehme ich an der Brother KH überhaupt Maschen ab?

Zum Abnehmen braucht es die Deckernadel, dieses kleine Metallwerkzeug, das aussieht, als käme es aus einer ganz anderen Zeit. Es gibt sie in drei Größen, für eine, zwei oder drei Maschen auf einmal. Für eine gerade Kante reicht am Anfang die kleinste Version: eine Masche von der äußeren Nadel abheben und eine Nadel weiter nach innen hängen, dann fehlt an dieser Stelle eine Nadel im Spiel, und das Gestrick wird an dieser Kante schmaler.

Als Faustregel gilt bei mir inzwischen: Für eine gerade Kante reicht die 1er-Deckernadel, sobald aber eine sichtbare Schräge entstehen soll, wechsle ich gleich auf die 2er- oder 3er-Version. Das spart mir hinterher das mühsame Nachkorrigieren einzelner Randmaschen.

Bevor ich das verstanden hatte, habe ich mir mehrere englischsprachige YouTube-Anleitungen dazu angeschaut - und fast nichts kapiert. Die Fachbegriffe kamen zu schnell, und die Kamera zeigte selten die Nadel, um die es gerade ging. Geholfen hat mir das kaum. Zusammengesucht habe ich mir die Technik stattdessen an der eigenen Maschine, mit Kontrastwolle und viel Geduld.

Genau in solchen Momenten schlägt dann auch schon mal eine Masche zu. Warum verliert meine Strickmaschine Maschen ist übrigens ein Thema für sich, mit eigenen Ursachen.

Maschinenstricken Formgebung: 1er-Deckernadel hält eine Randmasche über dem Nadelbett

Zunehmen ohne Loch: der Querfaden-Trick

Zunehmen klingt erstmal einfacher, ist es aber nicht automatisch. Einfach eine neue Nadel in Arbeitsposition schieben und hoffen, dass der Schlitten den Rest erledigt - das Ergebnis ist fast immer ein Loch, durch das locker ein Daumen passt. Der Trick liegt im Querfaden der Vorreihe: Den hängt man zusätzlich auf die neue Nadel, bevor der Schlitten wieder darüberfährt. Erst dadurch bekommt die Masche überhaupt einen Halt.

Bevor der Schlitten über die neue Nadel fährt, ziehe ich testweise kurz am Garn der aufgehängten Schlinge. Strafft sie sich dabei nicht, sitzt der Querfaden nicht richtig, und ich hänge ihn lieber neu auf, statt das Loch erst hinterher zu entdecken.

Wie dick das verwendete Garn dabei überhaupt sein darf, hängt stark von der Nadelteilung der Maschine ab - ein eigenes Thema, das hier keinen Platz hat. Meine Kollegin Gabi Endriss brachte mir letztens wieder eine Tüte Wollreste aus einem Outlet-Laden mit, alle unterschiedlich stark, und keiner davon passte auf Anhieb ohne Nachdenken zur Brother.

Funktioniert das auch an einer Pfaff, nicht nur an der Brother?

Diese Frage kommt öfter in den Kommentaren als jede andere, zuletzt von einer Leserin namens Adele Witzig, die selbst an einer alten Pfaff strickt. Die Deckernadel-Mechanik unterscheidet sich zwischen den Marken kaum, das Nadelbett funktioniert nach demselben Prinzip. Nur die Bezeichnungen im Handbuch weichen manchmal voneinander ab, und genau das sorgt für Verwirrung, wenn man beide Anleitungen nebeneinanderlegt.

Wie die Maschine davor überhaupt richtig eingefädelt wird, ist ohnehin ein eigenes Kapitel für sich, unabhängig von der Marke. Für die Formgebung selbst zählt vor allem, ob die Nadel beim Umhängen weit genug vorgeschoben ist. Wer unsicher ist, ob die eigene Maschine das überhaupt hergibt, testet es am besten an einer unwichtigen Ecke mit Kontrastwolle, bevor er es am eigentlichen Kleidungsstück riskiert.

Fully Fashioned: der Fachbegriff für saubere Formgebung

Fully Fashioned ist einfach ein schickeres Wort für sichtbare Abnahmen im Gestrick, wie man sie bei teureren Merinopullis im Laden sieht. Im Textilmuseum Augsburg (tim) habe ich mal ein historisches Strickstück mit solchen sauberen, schrägen Kanten gesehen und dachte: Das will ich auch hinbekommen. Der Unterschied zur einfachen Randabnahme: Man nimmt die 2er- oder 3er-Deckernadel, hebt gleich zwei oder drei Maschen zusammen ab und hängt sie eine Nadel weiter innen wieder auf. Der Rand wandert dadurch sichtbar nach innen, bleibt aber sauber, statt einfach nur schmaler zu werden.

Ob es wirklich nach Fully Fashioned aussieht, erkenne ich an der kleinen schrägen Reihe aus abgehobenen Maschen: Bleibt sie gut sichtbar, passt der Abstand zwischen den Umhängungen. Verschwindet sie im Rand, war dieser Abstand zu groß.

Über meinem Tisch im Bastelzimmer in Göggingen hängt schräg ein kleiner runder Wandspiegel, der eigentlich nur Deko sein sollte. Inzwischen nutze ich ihn, um von oben auf die Nadelreihe zu schauen, wenn ich beim Umhängen nicht sicher bin, ob wirklich jede Nadel weit genug vorgeschoben ist. Passt es, läuft der Schlitten gleichmäßig im Klack-Klack durch, ohne dieses kurze Stocken, das sonst sofort verrät, dass irgendwo eine Masche hängengeblieben ist.

Wann lohnt sich der Spannungs-Trick - und wann eher nicht?

Für eine ganz leichte Rundung reicht manchmal schon ein kleiner Griff an der Fadenspannung an der Strickmaschine, ohne überhaupt eine Deckernadel anzufassen - das ist aber nochmal ein eigenes Thema mit eigenen Tücken.

Formgebung Strickmaschine: Fadenspannungsregler an einer alten Brother KH im Detail

Als Entscheidungshilfe reicht mir mittlerweile ein einfacher Blick: Geht es um weniger als eine halbe Nadel Unterschied pro Seite, probiere ich zuerst die Spannung. Bei mehr greife ich gleich zur Deckernadel, denn eine echte Armkugel oder eine deutliche Taille lässt sich über Spannung allein nicht erreichen.

Ohne eine passende Maschenprobe sind sämtliche Berechnungen für die Formgebung ohnehin hinfällig - das ist mir ziemlich schmerzhaft klargeworden, als eine ganze Ärmelform nicht gepasst hat, obwohl jeder einzelne Schritt beim Abnehmen für sich sauber war.

Wenn die Form am Nadelbett endlich stimmt

Wer zum Schluss noch lernt, wie man die Maschen sauber abkettet, bekommt ein fertiges Teil, das fast aussieht wie aus der Boutique, statt wie selbstgemacht. Frust gehört bei alldem trotzdem dazu: Keine der Fragen hier lässt sich beim ersten Versuch beantworten, sondern erst, wenn man selbst ein paar Reihen lang mit Kontrastwolle herumprobiert.