Erste Versuche mit Norwegermustern und wie man zweifarbig stricken lernt

Erste Versuche mit Norwegermustern und wie man zweifarbig stricken lernt

Eines frostigen Abends im Februar saß ich in meiner Küche in Augsburg, die Heizung hat leise geknackt und ich dachte: Jetzt oder nie. Ich hatte meine alte Brother vom Flohmarkt – du weißt schon, das 60-Euro-Schätzchen – seit ein paar Monaten und wollte endlich mehr als nur glatt rechts produzieren. Das rhythmische Klackern des Schlittens war fast meditativ, bis es plötzlich von einem hässlichen, metallischen Knirschen unterbrochen wurde. Ich sag’s dir, mein Herz ist kurz stehen geblieben. Es klang, als hätte die Maschine gerade einen Löffel gefressen.

Was war passiert? Ich wollte mich an Norwegermuster wagen. In meinem Kopf sah das alles total elegant aus, wie in einem skandinavischen Design-Katalog. In der Realität saß ich vor einem Haufen Wollkotze. Aber hey, das gehört wohl dazu, wenn man als blutige Anfängerin versucht, zwei Fäden gleichzeitig zu bändigen. Ich habe in dieser Woche bestimmt acht Stunden investiert und gefühlt die Hälfte davon damit verbracht, Maschen wieder aufzuheben, die sich im Nirgendwo verabschiedet hatten.

Die Sache mit den gelben Karten und dem magischen Klicken

Ich hab dann erst mal diesen vergilbten Zubehörkasten vorgekramt. Darin lagen diese Plastikstreifen mit Löchern – die Lochkarten. Ich wusste ja, dass man die irgendwie in die Maschine steckt, aber wie die Mechanik dahinter funktioniert? Keine Ahnung. Ich hab mich gefühlt wie bei einer Zeitreise in die 70er. Die Brother-Maschinen haben da so eine Trommel, und wenn man die Karte einschiebt, passiert etwas Magisches.

Es ist dieses metallische, fast musikalische Klicken, wenn die Trommel der Lochkarte einrastet und die Nadeln für die nächste Reihe vorwählt. Jedes Mal, wenn ich den Schlitten von rechts nach links schiebe, sortiert die Maschine die Nadeln um. Die einen kommen ein Stück vor, die anderen bleiben hinten. Das ist die mechanische Magie der Lochkarte. Bei meiner Brother ist die Rapportbreite genau 24 Maschen. Das heißt, das Muster wiederholt sich alle 24 Nadeln. Wenn man das einmal verstanden hat, ist es fast wie Zauberei, aber bis dahin ist es ein weiter Weg.

Nahaufnahme einer Lochkarte, die in den Schlitz einer alten Brother Strickmaschine eingeführt wird

Ich hab dann erst mal mein ganzes Chaos sortiert. Falls du dich fragst, wie ich das alles unterbringe: Ich hab neulich mal aufgeschrieben, wie ich mein Strickmaschine Zubehör platzsparend und übersichtlich organisiere, weil ich sonst in den ganzen Kleinteilen versinke. Die Lochkarten brauchen nämlich echt Platz, wenn man sie nicht knicken will.

Zwei Fäden, ein Schlitten und die totale Verwirrung

Nach etwa vier Wochen intensivem Probieren hatte ich zumindest raus, wie man die Wolle einfädelt, ohne sich die Finger zu brechen. Beim zweifarbigen Stricken (man nennt das auch Fair Isle oder Norwegermuster) ist das so: Ein Faden kommt in die Hauptführung (A) und der zweite in die Zusatzführung (B) des Schlittens. Das klingt in der Anleitung so einfach, als würde man nur eine Kaffeemaschine bedienen.

Aber die Realität? Die Kontrastfarbe hat bei mir ständig Schlaufen gebildet. Es sah aus, als hätte ein kleiner Hund an meinem Gestrick gekaut. Ich hab dann gelernt, dass der Fadenmast – dieses lange Antennending oben auf der Maschine – mein bester Freund sein muss. Wenn der nicht richtig justiert ist, zieht der Faden nicht gleichmäßig nach. Und beim Feinstricker mit einem Nadelabstand von 4.5 Millimetern verzeiht die Maschine absolut nichts. Da ist kein Platz für lockere Schlamperei.

Hier kommt mein absoluter Geheimtipp, den ich auf die harte Tour gelernt habe: Vergiss das, was du vom Handstricken kennst! Überall liest man, man solle die Fäden mit den Fingern führen, um die Spannung zu halten. Pustekuchen! An der Maschine ist es viel effizienter, die Fadenspannung komplett der Mechanik zu überlassen. Ich halte die Fäden gar nicht mehr fest. Ich sorge nur dafür, dass sie sauber im Fadenführer liegen und die Spannungsgewichte am Mast genau richtig eingestellt sind. Sobald ich versuche, mit der Hand nachzuhelfen, bringe ich den Rhythmus durcheinander und – zack – Fallmasche.

Detailansicht des Strickmaschinenschlittens mit zwei eingefädelten Garnen in den Führungen A und B

Der Moment, in dem die Rauten auftauchen

Irgendwann, es war schon spät, passierte es dann. Ich hatte zehn Reihen gestrickt und mich kaum getraut, von unten gegen das Gestrick zu schauen. Und da waren sie: Echte Rauten! Auf der Rückseite sah man die Spannfäden, die sauber von einer Nadel zur nächsten liefen, und vorne bildete sich dieses typische Muster. Ich hätte fast laut gejubelt, aber ich wollte die Nachbarn nicht wecken.

Es ist ein ganz anderes Gefühl als beim Häkeln. Beim Häkeln sieht man jede Masche sofort. An der Maschine arbeitet man quasi blind nach oben und sieht das Ergebnis erst, wenn man ein Stück weiter ist. Man muss der Maschine vertrauen. Und man muss auf die Ränder achten. Wenn man da nicht aufpasst, ziehen sich die Randmaschen zusammen wie ein eingeschüchterter Igel. Ich hab mir dazu extra mal Tipps geholt, wie man saubere Randmaschen an der Strickmaschine stricken kann, ohne dass alles verknubbelt.

Mein größter Fail: Der unsichtbare Faden-Dieb

Aber natürlich wäre ich nicht Marlies, wenn nicht noch was schiefgegangen wäre. Kurz vor Ostern beim letzten Testlauf für einen Schal passierte der Klassiker. Ich war so im Flow, hab den Schlitten hin und her geschoben, das Klicken der Lochkarte genossen... und hab erst nach 50 Reihen gemerkt, dass der zweite Faden – die schöne dunkelblaue Wolle – seit der Hälfte der Zeit leer war. Der Faden war einfach zu Ende und ich hab es nicht gemerkt!

Das frustrierende Gefühl, wenn man 50 Reihen gestrickt hat, nur um zu merken, dass das Muster gar kein Muster mehr ist, sondern nur noch löchriges Etwas, weil die Maschine ins Leere gegriffen hat... ich sag’s dir, ich hätte das Teil am liebsten aus dem Fenster im zweiten Stock geworfen. 50 Reihen! Das sind bei mir locker 40 Minuten konzentrierte Arbeit gewesen, weil ich ja immer noch so vorsichtig schiebe.

Ein angefangenes Strickstück mit Norwegermuster, das an den Nadeln der Strickmaschine hängt

Was ich daraus gelernt habe? Ich schaue jetzt alle zwei Reihen auf meine Kone. Und ich wiege meine Wolle vorher. Ich hab mir vorgenommen, beim nächsten Mal noch genauer hinzusehen. Vielleicht hilft es mir ja auch, wenn ich irgendwann mal einfache Lochmuster stricken lerne, da sieht man vielleicht früher, wenn was fehlt, weil die Struktur feiner ist.

Fazit nach drei Monaten Muster-Wahnsinn

Wenn ich jetzt auf meinen ersten Norwegerschal blicke, dann ist er nicht perfekt. Hier und da ist eine Masche ein bisschen lockerer, und an einer Stelle hab ich wohl die Lochkarte nicht richtig arretiert, da ist das Muster um zwei Maschen verrutscht. Aber weißt du was? Es ist mir egal. Er ist warm, er ist zweifarbig und ich habe ihn auf einer Maschine gemacht, die fast so alt ist wie ich.

Bis heute habe ich für Wolle und Kleinkram sicher schon 150 Euro ausgegeben (die 60 Euro für die Brother gar nicht mitgerechnet), aber der Stolz, wenn man das erste Mal ein echtes Muster in den Händen hält, ist unbezahlbar. Falls du auch gerade anfängst: Lass dich nicht entmutigen, wenn es knirscht. Meistens ist es nur die Maschine, die dir sagen will, dass du mal wieder vergessen hast, die Wolle richtig einzufädeln. Wir lernen das noch, Schrit für Schritt!