
2. November 2025. Es ist dieser typische Augsburger Sonntagmorgen – neblig, kalt, und eigentlich viel zu früh, um auf den Beinen zu sein. Aber ich stand trotzdem auf dem Augsburger Plärrer, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Eigentlich wollte ich nur nach ein paar alten Übertöpfen schauen. Und dann stand er da. Ein schwerer, beiger Koffer unter einem wackeligen Tapeziertisch.
Bevor ich dir erzähle, wie ich dieses Ungetüm nach Hause geschleppt habe: In meinem Tagebuch findest du ab und zu Links zu Kursen oder Zubehör. Wenn du darüber etwas kaufst, bekomme ich eine kleine Provision – für dich kostet es keinen Cent mehr. Ich empfehle hier nur Sachen, die ich selbst benutze, um dieses Technik-Monster zu bändigen, wie den Kurs, der mir gerade den Kopf rettet.
Der 60-Euro-Moment: Mut oder Wahnsinn?
Der Verkäufer, ein älterer Herr mit einer Thermoskanne, sah mich an und sagte: „Die stand 20 Jahre im Keller meiner Schwester. Keine Ahnung, ob die noch geht. 60 Euro und sie gehört dir.“ 60 Euro. Das ist ein Wocheneinkauf. Oder eben eine echte Brother Strickmaschine. Ich kann häkeln, ich kann ein bisschen mit der Hand stricken (wenn die Muster nicht zu kompliziert werden), aber von Maschinen? Null Plan.
Aber die Neugier war stärker. Ich dachte an die Pullis, die ich in Rekordzeit stricken könnte. Nicht mehr wochenlang an einem Ärmel sitzen! Also habe ich die Scheine hingeblättert. 60 Euro ausgegeben – und der Spaß fing erst an. Der Transport zum Auto war nämlich die erste Lektion: 15 Kilo massives Metall fühlen sich über das Augsburger Kopfsteinpflaster an wie 50 Kilo. Mein Rücken hat schon da das erste Mal leise „Nein“ gesagt.
Das Erwachen im Wohnzimmer
Als ich den Koffer zu Hause auf den Boden gewuchtet und geöffnet habe, kam mir erst mal eine Wolke entgegen. Ein Geruch aus altem, ranzigem Öl und Kellerstaub. Und da lagen sie: 200 Nadeln, die mich wie die Zähne eines Raubfischs anstarrten. Ich saß bestimmt zehn Minuten einfach nur davor und dachte: Das ist kein Handwerk, das ist Raketenwissenschaft aus den 80er Jahren. Was habe ich mir nur dabei gedacht?
Mein erster Impuls? Den Schlitten nehmen und einmal drüberschieben. Einfach mal gucken, was passiert. Also hab ich gedrückt. Und geschoben. Nichts bewegte sich. Ich versuchte den Schlitten mit Gewalt über die Nadeln zu schieben, ohne zu merken, dass die Transportsicherung noch verriegelt war – ein hässliches Knirschen inklusive. Mein Herz ist kurz stehen geblieben. 60 Euro Schrott in weniger als fünf Minuten? Gott sei Dank war es nur das Metall, das sich beschwert hat.
Putzorgie mit Nebenwirkungen
Der 5. November war dann mein „Putztag“. Ich habe mir für 14 Euro WD-40 und ein Bürstenset besorgt. Insgesamt habe ich drei Stunden lang jede einzelne Nadelritze geschrubbt. Das klebrige Gefühl von verharztem Maschinenöl an meinen Fingerspitzen war das Schlimmste – das verschwand selbst nach dreimaligem Händewaschen mit Spülmittel nicht ganz. Es fühlte sich an, als wäre ich jetzt fest mit der Maschine verwachsen.
Und dann kam die körperliche Quittung. Ein stechender Schmerz im unteren Rücken am nächsten Morgen, weil ich drei Stunden lang in gebückter Haltung die Nadelkanäle mit einer Zahnbürste geschrubbt habe. Wer hätte gedacht, dass Stricken ein Leistungssport für die Wirbelsäule ist?
Das Problem mit der kleinen Wohnung
Hier kommt der Punkt, den dir kein Profi-Handbuch verrät: Wo stellt man das Ding eigentlich hin? In meiner kleinen Wohnung gibt es keinen Hobbyraum. Also landete die Brother auf dem Esstisch. Das heißt: Wenn wir essen wollen, muss das 15-Kilo-Monster weg. Oder wir essen auf dem Sofa. Momentan essen wir auf dem Sofa. Diese ständige Auf- und Abbauerei ist nämlich die größte Hürde, wenn man eigentlich nur mal kurz eine Reihe stricken will. Man braucht echt einen festen Platz, aber den muss ich mir erst noch erkämpfen.
Was ich in Woche 1 gelernt habe
Ich habe in dieser ersten Woche genau Null Maschen gestrickt. Aber ich habe eine Maschine, die jetzt zumindest sauber ist. Ich habe gelernt, dass man Gewalt bei diesen Maschinen besser lässt und dass WD-40 mein neuer bester Freund ist.
Damit ich nicht völlig den Verstand verliere (und weil die Anleitung von 1985 so verständlich ist wie eine Aufbauanleitung für einen Teilchenbeschleuniger), habe ich angefangen, nach Hilfe zu suchen. Ich brauche jemanden, der mir das Schritt für Schritt erklärt, als wäre ich fünf Jahre alt. Die gläserne Strickmaschine ist da gerade mein Anker – da wird nicht vorausgesetzt, dass ich schon weiß, was eine Maschenweite oder ein Nadelbett ist. Das ist genau das Tempo, das ich brauche, wenn ich nicht will, dass die Maschine nächste Woche wieder auf dem Flohmarkt landet.
Meine Bilanz der Woche 1:
- Zeitaufwand: 5 Stunden (3h Putzen, 2h vergeblicher Aufbauversuch)
- Ausgaben: 74 Euro (60€ Maschine + 14€ Putzzeug)
- Erfolgserlebnisse: Die Maschine glänzt.
- Frust-Moment: Das Knirschen des Schlittens, das mir fast einen Herzinfarkt beschert hat.
Nächste Woche versuche ich, den ersten Faden einzufädeln. Drück mir die Daumen, dass ich mich nicht selbst darin einwickle. Wenn du auch so ein altes Schätzchen im Keller hast und dich nicht traust: Du bist nicht allein. Wir kriegen das hin, auch wenn der Esstisch jetzt erst mal besetzt ist!