
Meine Finger schließen sich um den kalten Metallgriff, noch bevor mein Kopf überhaupt mitreden kann. Unter einem wackligen Tapeziertisch auf dem Haunstetter Festplatz – einem von mehreren Trödelmärkten und Festplätzen in Augsburg – steht ein schwerer, beiger Koffer, und der Verkäufer nennt schon die Zahl: sechzig Euro für eine alte Brother Strickmaschine – keine Anleitung, keine Garantie, keine Ahnung, ob das Ding überhaupt noch läuft. Häkeln kann ich, ein bisschen Handstricken auch, solange es nur Schals sind. Aber als kompletter Strickmaschine-Anfänger habe ich von Maschinen keinen blassen Schimmer. Ich zahle trotzdem. Dieser Flohmarkt-Fund landet ab sofort in meinem Lerntagebuch und wird mein Testfall für eine Frage, die sich wohl jede Anfängerin stellt, bevor sie sich eine eigene Maschine anschafft: gebraucht und günstig – oder doch lieber neu und mit Anleitung?
Ab und zu verlinke ich hier Kurse oder Zubehör, wenn ich selbst etwas benutzt habe, um diese Maschine zu bändigen. Bevor davon die Rede ist, muss erst die Geschichte vom Flohmarkt zu Ende erzählt werden – eine Entscheidung, die sich erst nach und nach als richtig oder falsch erweisen sollte.
Der 60-Euro-Griff ins Ungewisse
Der Verkäufer, ein älterer Herr mit dampfender Thermoskanne, erzählt mir, die Maschine habe bestimmt zwanzig Jahre im Keller seiner Schwester gestanden. Ob sie noch geht, weiß er selbst nicht so genau. Sechzig Euro, und sie gehört mir – so einfach war das, im Frühjahr 2025, an einem ganz gewöhnlichen Sonntagvormittag. Eine ältere Brother Flachstrickmaschine, wahrscheinlich aus den Achtzigern, ohne ein einziges Blatt Bedienungsanleitung dabei. Kein Aufkleber, kein Zettel, nichts.
Meine Kollegin aus dem Architekturbüro, Gabi Endriss, hat ungefähr zur gleichen Zeit mit Aquarellmalen an der VHS Augsburg angefangen – ein deutlich leiseres Hobby, wie sie nicht müde wird zu betonen, wenn sie mich wieder nicht nach der Maschenanzahl fragt, sondern danach, wie schwer das fertige Stück eigentlich wiegt.

Zuhause wartete dann der erste Realitätscheck: zweihundert Nadeln, die mich anstarrten wie die Zähne eines Raubfischs, und eben keine Anleitung, an der ich mich hätte festhalten können. Ich saß davor und wusste wirklich nicht, ob das Handwerk ist oder Raketentechnik aus den Achtzigern.
Der erste Arbeitsschritt war also nicht Stricken, sondern Putzen. Ich habe mir WD-40 und ein Set kleiner Bürsten besorgt und drei Stunden lang jede einzelne Nadelritze geschrubbt. Der Ölgeruch, der sich danach tagelang an den Nadeln und an meinen Fingerspitzen hielt, ließ sich selbst mit drei Runden Spülmittel nicht mehr wegwaschen.

Eine gebrauchte Strickmaschine kommt ohne Bedienungsanleitung
Genau das ist der Unterschied, den beim Flohmarkt-Kauf niemand erwähnt: Es gibt keine Anleitung, keine Kundenhotline, keinen Kurs, der automatisch dazugehört. Wer neu kauft, bekommt in der Regel wenigstens ein Heft, manchmal sogar eine kurze Einweisung. Bei mir gab es nur ein Ölfleck-Muster auf dem Kofferfutter und die vage Erinnerung des Verkäufers, dass die Maschine früher mal ganz gut gelaufen sei.
Recherche musste also von vorne beginnen. Ich habe versucht, mich mit englischsprachigen YouTube-Anleitungen durchzuwühlen, aber ich habe fast nichts verstanden – zu schnell gesprochen, zu viele Fachbegriffe, die ich auf Deutsch schon nicht kannte, geschweige denn auf Englisch. Allein Wörter wie Nadelrückholer oder Maschenweite haben mich fast dazu gebracht, das ganze Vorhaben wieder hinzuschmeißen.
Wie schnell sammelt man vier Anfängerfehler?
Vier Fehler haben sich in dieser frühen Phase angesammelt, jeder auf seine eigene Art lehrreich. Der erste: Ich habe den Faden beim ersten Versuch viel zu fest eingefädelt, so fest, dass sich der Schlitten kaum noch bewegen ließ – ich dachte schon, die ganze Maschine wäre hinüber. Seitdem fädle ich bewusst lockerer ein und ziehe den Faden vorher probeweise ein Stück durch die Finger. Der zweite Fehler: Ein gebrochener Nadelkopf hat mich komplett ausgebremst, der Schlitten blieb mitten in der Reihe stecken. Es hat eine Weile gedauert, bis mir klar wurde, dass eine einzige kaputte Nadel reicht, um alles zu blockieren – seitdem taste ich die Nadelreihe vorher einmal mit dem Finger ab.
Drittens war mein Anschlag beim ersten richtigen Versuch viel zu eng gestrickt – die erste Reihe ist regelrecht gerissen, kaum dass der Schlitten durchgelaufen war, und ich musste alles wieder auftrennen. Inzwischen lasse ich die ersten Maschen bewusst lockerer auflaufen, auch wenn es beim Stricken komisch aussieht. Viertens habe ich Wolle benutzt, die für diese Maschine schlicht zu grob war: Die Nadeln haben sich verklemmt, und ich habe eine gute halbe Stunde gebraucht, um jede einzelne wieder freizubekommen, ohne sie zu verbiegen. Seitdem prüfe ich vorher an ein paar Nadeln, ob das Garn überhaupt durchpasst, bevor ein ganzes Knäuel dranglaubt.
Jeder dieser vier Fehler hätte sich mit einer vernünftigen Anleitung vermutlich vermeiden oder wenigstens schneller korrigieren lassen. Stattdessen habe ich sie einzeln und auf die harte Tour gelernt, mit viel Fluchen und noch mehr aufgetrennter Wolle.
Mittlerweile hat die Maschine einen festen Platz gefunden: auf einem alten Eichenholzschreibtisch aus den Siebzigern, in meinem kleinen Bastelzimmer in Göggingen, festgehalten von zwei Schraubzwingen statt fest verschraubt. An der Fensterleiste zum Hinterhof hängen inzwischen mit Wäscheklammern befestigte Wollproben, und ein kleiner runder Spiegel schräg über dem Tisch zeigt mir die Nadelreihe von oben, ohne dass ich mich jedes Mal vorbeugen muss.

Was, wenn ich stattdessen neu gekauft hätte?
Vielleicht wäre vieles leichter gewesen, hätte ich gleich eine neue Maschine gekauft – mit Anleitung, vielleicht sogar mit Hotline. Aber dann hätte ich wahrscheinlich auch nie so gründlich nach einer echten Erklärung gesucht, wie ich es am Ende getan habe.
Damit ich nicht komplett aufgebe, habe ich angefangen, nach einer verständlichen deutschen Erklärung zu suchen. Die gläserne Strickmaschine ist seitdem mein Rettungsanker: Dort wird nichts vorausgesetzt, nicht mal, dass ich schon weiß, wie man die Fadenspannung an der Strickmaschine richtig einstellt. Wie man am Ende überhaupt richtig einfädelt, wird da ebenfalls von Grund auf erklärt.
Irgendwann läuft der Schlitten zum ersten Mal glatt durch, ohne zu haken, und alle Maschen bleiben brav auf ihren Nadeln – ein Bild, das mir mehr Zuversicht gegeben hat als jedes Video zuvor. Von einer Maschenprobe war da immer noch keine Rede, aber wenigstens ging ich die Grundlagen jetzt strukturiert durch, statt wild herumzuprobieren.
Leserinnen wie Adele Witzig, die hier regelmäßig kommentiert, fragen mich oft gezielt nach der passenden Garnstärke für dickere Wolle – auch das ist ein eigenes Thema, das an anderer Stelle ausführlicher drankommt. Bis heute lese ich außerdem gelegentlich nach, warum meine Strickmaschine überhaupt Maschen verliert, bevor die erste Reihe überhaupt fertig ist.
Gebraucht oder neu — meine klare Antwort
Ein Jahr und ziemlich viele Maschen später fällt die Antwort auf die Eingangsfrage konkreter aus. Gebraucht vom Flohmarkt lohnt sich, wenn du Zeit, Nerven und ein bisschen Bastelfreude mitbringst, dazu die Bereitschaft, dir das nötige Wissen selbst zusammenzusuchen – notfalls über einen Kurs. Neu, oder wenigstens gebraucht mit Anleitung, ist die bessere Wahl, wenn du schnell zu Ergebnissen kommen willst und keine Lust auf tagelanges Rätselraten hast.
Ans Abketten denke ich in dieser frühen Phase noch gar nicht – das kommt später, wenn der Faden überhaupt zuverlässig durchläuft. Insgesamt stehen bei mir bisher vierundsiebzig Euro und ungefähr fünf Stunden zu Buche, reine Putz- und Bastelzeit eingerechnet, und trotzdem bin ich froh über den Griff unter diesem Tapeziertisch.
Wer auch so ein altes Schätzchen im Keller stehen hat und sich nicht traut: Du bist nicht allein. Vielleicht hilft dir auch, wie mir Die gläserne Strickmaschine beim Verstehen meiner Brother geholfen hat – es nimmt einem wirklich ein Stück Angst vor der Technik.