
Zweihundert Nadeln halten beim Maschinenstricken jede einzelne Masche fest, und beim Abketten an der Brother KH hängt der ganze letzte Schritt am Ende buchstäblich an einem Faden. Für Anfängerinnen an der Strickmaschine ist das oft der Moment, an dem sich entscheidet, ob ein Stück Handarbeit sauber sitzt oder sich beim ersten Ziehen wieder auftrennt.
Die Antwort vorweg, damit sie nicht erst ganz am Ende auftaucht: Ein sauberer Abschluss gelingt fast nie, wenn man den Schlitten einfach schnell durchzieht, statt die letzte Reihe langsam und gleichmäßig zu arbeiten. Genau das habe ich anfangs versucht, weil es schneller aussah – das Ergebnis war eine Kante, die sich sofort wieder löste, kaum dass ich das Stück vom Nadelbett genommen hatte.
Warum das Abketten an der Brother KH anders ist als von Hand
Beim Häkeln reicht eine Schlaufe, durchziehen, fertig. Beim Handstricken ist es ähnlich entspannt. An der Maschine dagegen hängen alle Maschen gleichzeitig auf den Nadeln, und jede einzelne wartet quasi darauf, dass man sie loslässt, ohne sie fallen zu lassen. Der Nadelabstand verzeiht dabei wenig: Zieht man zu fest, wird die Kante hart wie ein Stück Pappe; lässt man zu locker, rutscht die Masche einfach von der Nadel.
Neulich hat sich eine Schraube am Schlitten gelockert, mitten im Abketten. Vreni aus dem zweiten Stock hat mir kurz ihren Schraubenzieher vorbeigebracht, weil meiner mal wieder verschwunden war. Sie hat selbst eine alte Nähmaschine und versteht genau, warum man Stunden mit einem Gerät aus den Achtzigern verbringt, das ständig kleine Aufmerksamkeit will.
Nach dem Ölen der Nadeln bleibt für ein paar Minuten dieser leicht metallische Geruch in der Luft, bevor überhaupt die erste Reihe entsteht – ein kleines Ritual, das zeigt, wie mechanisch das ganze Abketten eigentlich ist. Wenn Maschen trotzdem ständig von den Nadeln rutschen, liegt das oft an ganz anderen Ursachen als am Abketten selbst; ich habe dazu extra aufgeschrieben, warum meine Strickmaschine Maschen verliert, weil das eine eigene Fehlerquelle ist.

Wie fest darf die letzte Reihe sein?
Heidi aus dem Erdgeschoss hat mich neulich gefragt, ob man die letzte Reihe genauso stricken kann wie alle davor. Kurze Antwort: nein.
Die letzte Reihe vor dem Abketten braucht eine deutlich höhere Maschenweite – bei mir meistens zwei Nummern über der normalen Einstellung. Der Grund ist einfach: Jede Methode zum Abketten zieht die Maschen noch einmal zusammen, und wenn die Ausgangsreihe schon eng war, wird die Kante am Ende starr statt elastisch.
Die Häkelmethode: Schritt für Schritt zum sauberen Abschluss
So gehe ich inzwischen vor, damit nichts mehr reißt: Die erste Nadel schiebe ich nach vorne und nehme die Masche mit der Häkelnadel auf. Die nächste Masche kommt dazu und wird durch die erste gezogen, Nadel für Nadel, immer in dieselbe Richtung. Der Faden bleibt dabei locker, fast so, als wollte man gar nicht richtig ziehen.
Wer den Faden zu fest hält, merkt es sofort an der Härte der Kante. Das Gefühl dafür, wie locker "locker genug" wirklich ist, entwickelt sich mit jedem Stück ein bisschen weiter, es ist keine Sache, die man einmal liest und danach perfekt beherrscht.

Vorbereitung vor der letzten Reihe: Worauf es wirklich ankommt
Was in kaum einer Anleitung steht: Die elastischste Kante entsteht nicht durch die Methode am Ende, sondern durch die Vorbereitung davor. Soll sich ein Bündchen später über den Kopf dehnen, hänge ich oft zwei Maschen von benachbarten Nadeln auf eine einzige um, bevor die letzte Reihe überhaupt gestrickt wird. Das sieht auf der Maschine erst falsch aus, mit auffällig großen Schlaufen – zieht sich beim Abnehmen vom Nadelbett aber genau richtig zusammen.
Welche Wolle sich für so ein Bündchen überhaupt eignet, ist wieder eine andere Frage der Garnwahl, genau wie die Maschenprobe vorher zeigt, wie viele Maschen für die gewünschte Breite gebraucht werden. Und ohne sauberes Einfädeln der Maschine bringt die schönste Abketttechnik ohnehin nichts, weil dann schon die Reihen davor nicht stimmen.

Woran eine gelungene Kante wirklich zu erkennen ist
Ich erkenne eine gelungene Kante daran, dass keine einzige Masche gerissen ist und das Stück aussieht, als läge es fertig zum Verkauf im Laden – nicht wie ein Anfängerversuch, der gerade noch zusammenhält.
Als mir das zum ersten Mal richtig gelang, stand Heidi kurz danach mit einem Stück selbstgebackenem Kuchen vor der Tür, weil sie meinen fertigen Schal gesehen hatte. Falls der Faden bei dir immer noch zickt, bevor du überhaupt beim Abketten ankommst, lohnt sich ein Blick auf meine Tipps, wie man die Fadenspannung richtig einstellen kann – das behebt erstaunlich viele Probleme, die eigentlich nichts mit dem letzten Schritt zu tun haben.
Am Ende ist Abketten an der Maschine kein Talent, das man hat oder nicht hat. Es ist eine Frage aus Maschenweite, Geduld und der Bereitschaft, jede einzelne Nadel ernst zu nehmen, statt schnell durchzuwollen.