Maschen abketten an der Strickmaschine: So gelingt ein sauberer Abschluss

Maschen abketten an der Strickmaschine: So gelingt ein sauberer Abschluss

Es ist ein später Abend im März, es regnet gegen die Scheibe meines kleinen Büros in Augsburg, und ich sitze hier vor meiner alten Brother. Ich starre auf dieses Probestück – ein schönes Waldgrün, eigentlich – und ich traue mich einfach nicht, die letzte Reihe zu stricken. Warum? Weil die letzten drei Versuche in einem absoluten Fadensalat geendet sind. Kennst du das, wenn du eigentlich fertig bist, aber der letzte Schritt alles ruinieren könnte? Wie beim Kuchenbacken, wenn man die Glasur drüberkippt und hofft, dass sie nicht an den Seiten runterläuft wie ein Unfall.

Ich habe für diese Maschine auf dem Flohmarkt 60 Euro bezahlt. Ein Schnäppchen, dachte ich im Frühjahr 2025. Inzwischen weiß ich: Die Maschine war billig, aber die Nerven, die sie mich kostet, sind unbezahlbar. Mein Lerntagebuch sagt, dass ich diesen Monat schon zwölf Stunden nur mit 'Trockenübungen' verbracht habe. Und heute soll es endlich klappen: ein sauberer Abschluss, ohne dass sich alles zusammenzieht wie ein zu heiß gewaschener Wollpulli.

Warum das Abketten an der Maschine so anders ist

Wenn ich häkle, ist alles so einfach. Eine Schlaufe, durchziehen, fertig. Beim Handstricken ist es auch okay. Aber an der Maschine? Da hängen diese Maschen auf den Nadeln, 200 Stück sind es insgesamt an meinem Nadelbett, und jede einzelne scheint nur darauf zu warten, in die Tiefe zu stürzen. Der Nadelabstand von 4,5 mm verzeiht einem Anfänger wie mir gar nichts. Einmal zu fest gezogen, und die Kante wird so hart, dass man sie kaum noch dehnen kann.

In meinen ersten drei Wochen habe ich eigentlich gar nicht abgekettet. Ich habe 'abgeworfen'. Das heißt: Schlitten drüber, Faden gerissen, und zack – alles liegt auf dem Boden und ribbelt sich schneller auf, als ich 'Ach Mensch' sagen kann. Mein Tagebuch-Eintrag von Mitte Februar ist nur ein großer Tintenklecks mit dem Wort FRUST daneben. Ich hatte den Unterschied zwischen dem mechanischen Prozess und dem, was man eigentlich erreichen will, einfach nicht kapiert. Man muss der Maschine beibringen, die Maschen loszulassen, ohne sie zu verlieren.

Nahaufnahme der 200 Nadeln einer Brother Strickmaschine mit aufgereihten Maschen

Der Moment des Schreckens und was ich daraus lernte

Nach etwa zwei Monaten Übung dachte ich, ich hätte den Dreh raus. Ich benutzte die Häkelmethode. Das klang für mich logisch, weil ich ja häkeln kann. Aber dann passierte es: Der Moment des Schreckens, als ich die letzte Masche verliere und zusehen muss, wie sich das Gestrick über zehn Reihen von selbst aufribbelt. Das Geräusch ist fast das Schlimmste – dieses leise 'Plopp-Plopp-Plopp', wenn die Maschen aus den Nadeln rutschen. Ich saß da, die Häkelnadel noch in der Hand, und hätte fast geheult.

Was war passiert? Ich war zu ungeduldig. Ich wollte fertig werden. Dabei ist das Abketten an der Maschine eher wie ein Zen-Garten-Harken. Man muss jede Nadel einzeln wertschätzen. Falls dir das auch ständig passiert, habe ich mal aufgeschrieben, warum meine Strickmaschine Maschen verliert, denn oft liegt es gar nicht an einem selbst, sondern an der Technik oder der Vorbereitung.

Ich habe gelernt: Die Fadenspannung ist alles. Mein Maschenweitenregler am Schlitten geht von 0 bis 10. Normalerweise stricke ich meine Wolle auf 5. Aber für die letzte Reihe? Da muss man mutig sein. Und genau hier liegt der Hund begraben, den ich erst an einem regnerischen Aprilwochenende entdeckt habe.

Mein Durchbruch: Das Abketten hinter den Nadelzungen

Anfang Mai saß ich wieder dran. Diesmal mit einem Plan. Ich habe verstanden, dass die Werkzeuge – die Decker-Nadel und die Häkelnadel – meine besten Freunde sind, um die Spannung zu halten. Es ist ein bisschen wie in der Küche: Wenn man den Teig zu fest knetet, wird das Brot hart. Wenn man die Maschen beim Abketten zu fest zieht, wird die Kante starr.

Der Trick, der für mich alles verändert hat: Ich schiebe die Nadeln ganz weit nach vorne in die E-Position. Dann lege ich den Faden locker über die Nadeln. Das kalte Metall der Nadeln an meinen Kuppen und das leise, rhythmische Klicken, wenn jede Zunge einzeln zuschnappt – das hat fast etwas Meditatives, wenn man es erst einmal raus hat. Wenn die Masche hinter der Zunge liegt, kann sie nicht mehr weg. Sie ist gefangen, aber auf eine gute Art.

Hände benutzen eine Häkelnadel zum Abketten der Maschen von der Strickmaschine

Schritt-für-Schritt: Die Häkelmethode (Casting off with a latch tool)

Hier ist, wie ich es jetzt mache, damit es nicht mehr kracht:

Es hat mich Wochen gekostet, dieses Gefühl in den Fingern zu entwickeln. Früher habe ich den Faden so fest gehalten, als würde ich versuchen, ein wildes Pferd zu bändigen. Aber die Maschine mag es lieber sanft. Falls dein Faden immer noch zickt, schau dir mal meine Tipps an, wie man die Fadenspannung richtig einstellen kann, das hilft enorm vor dem Abketten.

Der Unique Angle: Abketten beginnt nicht beim Abketten

Jetzt kommt das, was mir kein Handbuch so richtig erklärt hat, was ich aber schmerzhaft lernen musste: Hör auf, das Abketten als letzten Schritt zu sehen. Die elastischste Kante entsteht nicht durch die Methode, die du am Ende wählst, sondern durch das bewusste Umhängen oder Vorbereiten der Maschen vor dem eigentlichen Abkettvorgang.

Was ich damit meine? Wenn ich weiß, dass ich ein Bündchen habe, das sich dehnen muss (wie bei einer Mütze für meine Nichte), dann reicht es nicht, einfach nur locker abzuketten. Ich hänge oft die Maschen von zwei Nadeln auf eine, bevor ich die letzte Reihe stricke – oder ich mache eine Reihe mit extrem langer Maschenweite. Das sieht auf der Maschine erst mal falsch aus, so riesige Schlaufen, aber wenn es vom Nadelbett kommt, zieht es sich perfekt zusammen. Es ist wie beim Kofferpacken: Man muss ein bisschen Platz lassen, damit man ihn am Ende auch wirklich zubekommt.

Eine fertig abgekettete, elastische Strickkante liegt neben der Strickmaschine

Fazit aus meinem Lerntagebuch

Ein Blick in meine Notizen zeigt: Aus 15 Minuten purem Frust und Schweißperlen auf der Stirn sind inzwischen etwa 5 Minuten Routine geworden. Ein sauberer Abschluss ist kein magisches Talent, das man hat oder nicht. Es ist eine reine Frage der Fadenspannung und der Geduld.

Heute, Ende Mai, gleitet die Reihe gleichmäßig und elastisch vom Nadelbett. Kein Zusammenziehen, kein Fluchen. Ich habe diesen Monat insgesamt etwa 45 Euro für neue Wolle ausgegeben (ich konnte im Wollladen in der Innenstadt nicht widerstehen), aber dieses Gefühl, wenn das Teil endlich fertig und perfekt von der Maschine fällt, ist jeden Cent wert. Es ist dieses leise 'Plopp', wenn die letzte Masche gesichert ist, das mich heute glücklich ins Bett gehen lässt.

Wenn du also auch gerade vor deiner Brother sitzt und dich nicht traust, den Schlitten für die letzte Reihe zu bewegen: Stell die Maschenweite hoch, atme tief durch und denk dran – es ist nur Wolle. Und im schlimmsten Fall? Hat man eben wieder etwas für das Lerntagebuch gelernt. Wir sind Anfängerinnen, wir dürfen das!