Wie ich Bündchen stricken ohne Doppelbett an der Brother lerne

Wie ich Bündchen stricken ohne Doppelbett an der Brother lerne

Anfang Juni saß ich an meinem Küchentisch, draußen war es noch hell, und ich hätte heulen können. Vor mir lag ein ganzer Haufen Strickproben, die sich alle so eng eingerollt haben wie diese getrockneten Nudeln aus der Packung. Ich wollte doch nur einen einfachen Pulli für mich stricken, aber der untere Rand sah einfach nur traurig aus.

Das Problem ist ja: Meine 60-Euro-Brother vom Flohmarkt hat nur ein Nadelbett. Wer von euch Profis ist, lacht jetzt wahrscheinlich, aber ich wusste beim Kauf gar nicht, dass man für „echte“ Bündchen (dieses typische Rechts-Links-Muster) eigentlich ein zweites Teil braucht, das KR-850 Doppelbett. Und ganz ehrlich: Mein Budget gibt gerade keine 300 Euro für ein Upgrade her, nur damit der Rand nicht mehr rollt.

Also habe ich mich durch alte Anleitungen gewühlt. Meine Brother hat ja standardmäßig 200 Nadeln auf dem Bett, mit einem Nadelabstand von 4,5mm. Das ist eigentlich super, aber sie kann eben von Natur aus nur glatt rechts stricken. Und glatt rechts rollt sich eben ein – so sicher wie das Amen in der Kirche oder der Milchschaum auf meinem Kaffee.

Der erste Versuch: Das mühsame Hochhäkeln

In einem vergilbten Heftchen habe ich die Technik des „Hochhäkelns“ entdeckt. Die Idee klingt simpel: Man strickt erst mal alles glatt rechts, lässt dann jede zweite Masche fallen und zieht sie mit einer Arbeitsnadel (diesem kleinen Ding mit der Klappe) von der Rückseite wieder hoch. So entsteht ein 1x1 Bündchen, weil man die Maschen quasi künstlich umdreht.

Nahaufnahme einer Arbeitsnadel beim Hochhäkeln einer Masche an der Strickmaschine

Ich habe das an einem schwülen Samstagnachmittag ausprobiert. Es war eine Geduldsprobe, sag ich euch. Man sitzt da, die Finger riechen nach diesem kalten, metallischen Maschinenöl – das kriegt man kaum mit Seife weg – und man starrt auf diese winzigen Maschen.

Nach etwa vier gescheiterten Versuchen hatte ich den Rhythmus raus. Dieses leise „Klick-Klack“, wenn die Klappe der Nadel die Wolle fängt. Es ist schneller als mit der Hand zu stricken, aber man braucht die Konzentration einer Diamantenschleiferin. Wenn man nämlich einmal abrutscht, passiert es.

Wenn die Welt (oder die Masche) untergeht

Dieses sinkende Gefühl im Magen, wenn eine Masche nicht nur eine Reihe tief fällt, sondern bis ganz nach unten zum Kamm durchrutscht... und man sieht förmlich, wie sich die ganze Reihe in Zeitlupe auflöst. Mir ist das letzte Woche passiert. Ich wollte gerade die letzte Masche hochhäkeln, mein Handy hat vibriert, ich hab kurz hingeschaut – zack. Alles weg.

Da hilft dann auch kein Fluchen mehr. Ich habe die ganze Probe von der Maschine gerissen und erst mal einen Schnaps gebraucht (okay, es war nur ein Spezi, aber gefühlt war es ein Schnaps). Wer noch Probleme damit hat, überhaupt die Nadeln richtig zu sortieren, sollte sich mal meinen Text dazu anschauen, wie ich die Brother Strickmaschine Nadelpositionen endlich kapiert habe. Das hilft zumindest, das Chaos auf dem Bett zu bändigen.

Mein Geheimtipp: Der Fangpatent-Saum

Aber jetzt kommt das, was ich eigentlich erzählen wollte. Ich habe nämlich etwas entdeckt, das viel besser funktioniert als dieses ewige Hochhäkeln. Vergesst das mühsame Umhängen von Hand, wenn ihr einfach nur einen stabilen Rand wollt! Ich habe gelernt, einen Fangpatent-Saum mit einem Hilfsfaden zu stricken.

Das klingt total kompliziert, ist aber eigentlich nur ein kleiner Trick mit der Einstellung am Schlitten. Man strickt ein paar Reihen mit einem Kontrastfaden (den man später wegwirft), dann die eigentliche Wolle, und nutzt dann die Fangpatent-Funktion (Tuck), um eine Art stabilen Knick in das Gestrick zu kriegen. Das Bündchen wird dadurch zwar nicht so super-elastisch wie ein echtes Rippenbündchen, aber es liegt flach! Und es sieht professionell aus, fast wie gekauft.

Vergleich zwischen eingerolltem glatt-rechten Gestrick und flachem Bündchen

Ich finde das viel entspannter, als jede zweite Masche mit dem Deckerkamm zu quälen. Wer das trotzdem mal probieren will, ich hab da auch schon mal drüber geschrieben, wie man Maschen umhängen mit dem Deckerkamm üben kann, ohne komplett wahnsinnig zu werden. Aber für den Anfang ist dieser Saum echt ein Lebensretter.

Was ich in 12 Stunden an der Maschine gelernt habe

In den letzten Wochen habe ich sicher 12 Stunden nur mit Bündchen-Experimenten verbracht. Ausgegeben habe ich bisher nur die 60 Euro für die Maschine und etwa 15 Euro für billige Übungswolle. Was ich aber wirklich gelernt habe: Man muss verstehen, wie die Maschine „denkt“. Wenn man kein Doppelbett hat, muss man eben tricksen.

Wenn ich mir heute meinen kleinen Streifen 1x1 Rippen anschaue, den ich tatsächlich fertigbekommen habe, bin ich fast ein bisschen stolz. Er ist nicht perfekt, an einer Stelle ist die Spannung ein bisschen locker, aber er rollt sich nicht ein. Und dieses „Langsame“ beim Hochhäkeln hat fast was Meditatives, wenn man erst mal die Angst vor der fallenden Masche verliert.

Falls ihr auch gerade erst anfangt und euer Zubehör noch im ganzen Wohnzimmer verteilt ist (wie bei mir am Anfang!), schaut mal rein, wie ich mein Strickmaschine Zubehör mittlerweile organisiere. Das spart zumindest die Zeit, die man sonst mit dem Suchen der Arbeitsnadel verbringt, während man eigentlich gerade den „Flow“ hat.

Und jetzt? Jetzt traue ich mich an das erste richtige Rückenteil. Ohne Doppelbett, aber mit ganz viel Mut zur Lücke – und zur Not wird es eben ein sehr rustikaler Look. Wir lernen ja noch, oder?