Maschenprobe an der Strickmaschine stricken und für Anfänger richtig berechnen

Maschenprobe an der Strickmaschine stricken und für Anfänger richtig berechnen

Ehrlich gesagt, ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Es war Mitte März, spät am Abend in meiner Kellerecke in Augsburg, und ich starrte auf diesen fertigen Ärmel. Er sah toll aus, wirklich. Aber er war so lang und schmal, dass er höchstens einer Katze mit extremen Model-Maßen gepasst hätte, aber sicher nicht mir. Ich saß da mit öligen Fingern – dieser typische Geruch nach altem Maschinenöl, den man nach einer Stunde an den 200 Nadeln meiner alten Brother einfach an sich hat – und hätte heulen können.

Ich hab dann mein Lerntagebuch aufgeschlagen. Da steht ganz vorne: 'Frühjahr 2025, 60 Euro für die Brother auf dem Flohmarkt ausgegeben, keine Ahnung, was ich hier tue'. Und jetzt, ein Jahr später, dachte ich, ich wäre schlauer. Aber mein 'Pi mal Daumen'-Gefühl für die Maschenweite hat mich mal eben drei Knäuel Wolle und gefühlt zehn Stunden Lebenszeit gekostet. Also hab ich tief durchgeatmet und beschlossen: Marlies, du machst jetzt diese verflixte Maschenprobe. Richtig. Wie ein Profi, auch wenn du keiner bist.

Warum die Maschenprobe an der Maschine anders tickt als beim Häkeln

Wenn ich früher gehäkelt habe, war eine Maschenprobe eher so eine Empfehlung. Ein bisschen lockerer, ein bisschen fester – das hat man im Handgelenk korrigiert. Aber die Strickmaschine ist gnadenlos. Die Nadeln haben einen festen Abstand von 4,5 mm, da rüttelt keiner dran. Das ist Physik. Und meine Brother KH-Serie ist da wie ein kleiner Panzer: Wenn ich oben an der Maschenweite am Schlitten drehe – diese Skala von 0 bis 10 –, dann bestimme ich nur, wie weit die Nadeln nach vorne geschoben werden. Aber wie groß die Masche am Ende wirklich wird, hängt von so vielen Dingen ab, die ich anfangs völlig ignoriert habe.

Was ich schmerzhaft lernen musste: Das Eigengewicht des Gestricks ist an der Maschine dein größter Feind bei der Planung. Beim Handstricken liegt das Teil in deinem Schoß. An der Maschine hängen unten Krallen und Gewichte dran, die alles nach unten ziehen. Das verfälscht das Bild total. Man denkt, man hat die perfekte Größe, aber sobald man das Teil von den Nadeln nimmt, schnurrt es zusammen wie ein Wollpulli in der 60-Grad-Wäsche. Nur eben in die Breite statt in die Länge.

Nahaufnahme der Maschenweiteneinstellung am Schlitten einer Brother Strickmaschine.

Der Plan: 40 Maschen, 60 Reihen und ein Kontrastfaden

Ende April hab ich mich dann drangesetzt. Ich hab mir vorgenommen, nicht mehr zu schummeln. Eine richtige Maschenprobe muss groß genug sein, damit die Ränder das Ergebnis nicht verfälschen. Ich hab also 40 Nadeln in Arbeitsposition geschoben (20 links von der Mitte, 20 rechts) und angefangen. Das typische 'Klack-Klack' des Schlittens ist für mich inzwischen fast schon meditativ, solange nichts klemmt. Falls es bei euch doch mal hakt, schaut euch mal meine Tipps für klemmende Schlitten an, das hat mir am Anfang oft den Abend gerettet.

Ich hab dann genau 60 Reihen gestrickt. Aber hier kommt der Trick, den ich aus einem alten Forum habe: Nach 20 Reihen und nach 40 Reihen zieht man einen Kontrastfaden durch die mittleren 20 Maschen. Das sieht dann aus wie kleine Markierungen. Warum? Weil man später genau diese 20 Maschen in der Mitte misst. Die Randmaschen sind oft ein bisschen lockerer oder fester, die zählen nicht. Ich hab die Maschenweite am Schlitten auf 6 gestellt, weil meine Wolle eine Lauflänge von etwa 300 Metern auf 100 Gramm hatte – das ist so der Sweetspot für diese Standardstricker.

Der Fehler, den ich nie wieder machen werde

Hier kommt mein absoluter 'Marlies-Moment'. Ich hab die 60 Reihen fertig, das Teil hängt noch an der Maschine, die Krallengewichte ziehen ordentlich dran. Ich nehme mein Lineal, messe direkt an der Maschine und denke: 'Super, passt perfekt!'. Ich hab die Maschenprobe dann abgekettet und – zack – sie war plötzlich nur noch halb so lang, dafür aber breiter. Ich hab erst da kapiert, dass die Gewichte die Maschen in die Länge ziehen. Die Maschen sehen auf der Maschine aus wie schmale Ovale, in echt sind sie aber eher wie kleine Herzchen oder Quadrate.

Man misst NIEMALS, während das Stück noch unter Spannung steht. Das ist wie wenn man den Bauch einzieht, bevor man die neue Jeans kauft – am Ende passt sie halt doch nicht, wenn man wieder normal atmet. Mein Fehler hat mich gelehrt, dass die Maschenprobe erst 'lügt', solange sie auf den Nadeln hängt. Erst wenn sie unten liegt und sich entspannen darf, sagt sie die Wahrheit.

Eine gestrickte Maschenprobe liegt flach auf Holz und wird mit einem Lineal vermessen.

Die 24-Stunden-Wellness-Pause für die Wolle

An einem Sonntagnachmittag im Mai hab ich dann gelernt, was Geduld bedeutet. Profis sagen, man soll die Probe mindestens 12, besser 24 Stunden liegen lassen. Ich dachte erst: 'Leute, ich will heute noch den Pulli anfangen!'. Aber Wolle hat ein Gedächtnis. Durch das Stricken und den Zug der Maschine sind die Fasern total gestresst. Die müssen sich erst mal wieder gemütlich hinlegen.

Ich hab die Probe also vom Bett genommen, sie einmal kurz in lauwarmes Wasser getaucht (wie man es mit dem fertigen Stück ja auch machen würde) und flach auf einem Handtuch trocknen lassen. Am nächsten Tag war sie fast zwei Zentimeter kürzer als direkt nach dem Abketten. Wahnsinn, oder? Wenn ich das auf einen ganzen Pulli hochrechne, wären das locker 10 Zentimeter Unterschied gewesen. Dann hätte ich wieder den Katzen-Ärmel-Look gehabt. Übrigens, falls ihr noch Probleme mit dem Anfang habt, ich hab neulich mal aufgeschrieben, wie ich den Wickelanschlag endlich ohne Knoten hinbekommen habe.

Rechnen für Leute, die Mathe eigentlich hassen

Jetzt, nach etwa sechs Wochen intensivem Üben mit dieser Methode, hab ich den Dreh raus. Wenn die Probe trocken und entspannt ist, nehme ich mein Lineal. Ich messe, wie breit meine 40 Maschen sind und wie hoch meine 60 Reihen. Sagen wir, die 40 Maschen sind 14 cm breit. Dann teile ich 40 durch 14 und weiß: Ich brauche 2,85 Maschen für einen Zentimeter. Wenn mein Pulli 50 cm breit werden soll, rechne ich 50 mal 2,85. Fertig.

Klingt logisch, oder? In meinem Lerntagebuch stehen jetzt keine Frust-Rants mehr, sondern ordentliche Tabellen. Ich schreibe mir immer dazu: Welche Wolle, welche Maschenweite (MW) am Schlitten und wie das Ergebnis nach dem Waschen war. Das ist Gold wert. Bevor ihr aber so richtig loslegt, solltet ihr sicherstellen, dass eure Maschine sauber ist. Ich hab meine alte Brother erst mal gründlich vom Wollstaub befreit, bevor die Ergebnisse der Maschenprobe überhaupt konstant wurden. Wenn da alter Schmodder in den Nadelkanälen sitzt, strickt die Maschine nämlich mal fester und mal lockerer, und dann nützt die beste Rechnung nichts.

Mein Fazit nach all den Knoten und zu kurzen Ärmeln: Die Maschenprobe ist keine Zeitverschwendung, sie ist die einzige Versicherung, die wir Anfänger haben. Es kostet mich vielleicht eine halbe Stunde extra, aber es spart mir Tage voller Auftrennen und Fluchen. Und das Gefühl, wenn ein Teil am Ende wirklich passt – also einem Menschen, keiner Katze – ist einfach unbezahlbar.