
Was macht eigentlich beim Maschinenstricken den Unterschied zwischen einem Strickstück, das nach Monaten im Regal noch aussieht wie frisch von der Maschine, und einem, das nach drei Wochen komplett seine Form verloren hat?
Klingt nach einer kleinen Frage, ist aber keine, wenn man gerade erst mit dem Maschinenstricken anfängt und noch keinen Schimmer von Wollpflege hat. Die kurze Antwort vorab: flach liegend, mit etwas Luft dazwischen und ordentlich beschriftet hält am längsten, alles andere zerstört früher oder später Form oder Fasern. Der Rest ist die Geschichte, wie ich genau das auf die harte Tour gelernt hab.
Der kalte Kunststoff vom Schlitten unter den Fingern, kurz bevor die erste Reihe losgeht; daran denkt man morgens. Was aus dem fertigen Teil wird, sobald es von der Nadel runter ist, eher nicht.
Der erste Gedanke: ein fertiges Strickstück wie einen Pullover im Schrank hängen
Genau das dachte ich anfangs. Ordentlich auf einen Bügel im Flur, so wie jedes andere Kleidungsstück auch. Klassischer Anfängerfehler, wie sich rausgestellt hat.
Bevor ich überhaupt ein fertiges Stück zum Aufhängen hatte, ist mir was anderes danebengegangen: Ich hab den Schlitten anfangs einfach schnell durchgezogen, statt langsam und gleichmäßig zu ziehen. Das Ergebnis waren schiefe Reihen und viel zu viel, was gleich wieder aufgetrennt werden musste. Man probiert Muster, testet die Schlitten Einstellungen bei der Brother Strickmaschine, und irgendwann hat man einen ganzen Stapel Teststücke, die kein fertiger Pulli sind, aber auch zu schade zum Wegwerfen.

Der Moment, wenn dann doch mal ein richtiges Stück fertig wird, ist trotzdem was Besonderes. Den ersten fertigen Schal vom Nadelbett zu ziehen, kerzengerade, viel länger als gedacht, war für mich der Punkt, wo ich dachte: Das muss doch jetzt irgendwo gut aufgehoben sein. Also Bügel, dachte ich. Falsch gedacht.
Nach ein paar Wochen sahen meine ersten glatt-rechts gestrickten Stücke aus wie Kaugummi, der zu lange in der Sonne lag, komplett aus der Form gezogen. Die Schwerkraft zerrt an jeder einzelnen Masche, und Strickware ist einfach nicht dafür gemacht, dauerhaft am eigenen Gewicht zu hängen.
Richtig ist: Strickstücke gehören flach hingelegt, nicht aufgehängt. Zwischen die Lagen kommt bei mir dünnes Seidenpapier, damit sich raue Wolle oder kleine Häkchen nicht ineinander verhaken. Mehr Aufwand als ein Bügel, klar, aber das Teil behält seine Form.

Die Sache mit dem luftdichten Vorratsglas
Nächster Irrglaube, den ich selbst geglaubt hab: Alles fest verschlossen wegpacken, dann kann nichts passieren. Motten mögen luftdichte Boxen mit Klickverschluss angeblich nicht, also rein damit und Deckel drauf.
Auf dem Stadtmarkt Augsburg hab ich neulich eine Standbetreiberin beobachtet, die ihre Knäuel in einfachen Stoffbeuteln aufbewahrt, locker verschnürt statt luftdicht verpackt. Fand ich erst komisch. Macht aber Sinn, wenn man weiß, was in einer geschlossenen Box passieren kann.
Steckt nämlich noch eine Spur Feuchtigkeit in der Wolle, und die Box lässt keine Luft durch, züchtet man sich darin ein eigenes kleines Biotop. Schimmel ist mindestens genauso ein Problem wie Motten, nur dass man es später riecht statt sieht. Wolle muss atmen können. Wer sie komplett einsperrt, bekommt irgendwann einen Schal, der nach altem Keller müffelt.
Einfrieren gegen Mottenlarven funktioniert übrigens wirklich, falls schon was befallen ist, aber danach muss das Stück erst wieder trocknen und darf nicht sofort zurück in eine geschlossene Box. Sonst holt man sich das Feuchtigkeitsproblem quasi selbst ins Haus.

Reste ohne Etikett sind reine Glückssache
Wollreste einfach so in eine Kiste werfen, ohne draufzuschreiben, was es ist, hab ich lange gemacht. Bis ich für ein Bündchen einen wunderschönen blauen Rest rausgesucht hab und keine Ahnung mehr hatte, ob das reine Schurwolle war oder der Polyacryl-Mix vom Flohmarkt. Bei 30 Grad waschen oder lieber nicht, ohne Etikett ist das reines Raten.
Heidi aus dem Erdgeschoss, die selbst mit dem Gedanken spielt, sich eine gebrauchte Maschine zuzulegen, hat neulich kurz reingeschaut und gefragt, ob das mit den Zetteln nicht übertrieben ist. Ist es nicht. Jeder Rest bekommt bei mir einen kleinen Zettel mit Nadelstärke, Material und der groben Maschenprobe, festgeklebt mit Kreppband. Klingt nach Erbsenzählerei, spart aber jedes Mal Zeit und Ärger.
Bei der Garnwahl für ein neues Projekt macht das am Ende den Unterschied, ob man auf Anhieb weiß, was man in der Hand hat, oder erst mal eine Brennprobe machen muss. Und wenn ein Teil fertig ist und zusammengenäht werden soll, zahlt sich die gute Sortierung gleich doppelt aus. Wer schon mal probiert hat, wie man Strickteile zusammennähen mit dem Matratzenstich macht, weiß, wie sehr sich das lohnt, wenn die Kanten vorher nicht schon ausgeleiert oder verfilzt sind.
Ein Ordnungssystem für Wollreste, das wirklich hält
Abgekettet, beschriftet, flach gelegt, mit etwas Luft dazwischen, so sieht mein Strick-Eck inzwischen aus, wenn ein Stück fertig ist. Nicht perfekt, aber deutlich weniger Chaos als am Anfang.
Gedämpft oder gespannt wird bei mir erst kurz vor der Weiterverarbeitung, nicht direkt nach der Lagerung, aber das ist nochmal ein eigenes Thema für sich. Für die Aufbewahrung selbst reicht die Kombination aus liegend, atmungsaktiv und beschriftet völlig aus.
Aufbewahrung fürs Strickzeug ist für mich mittlerweile wie das Ablagesystem im Büro: Kein Mensch findet sowas aufregend, aber ohne geht früher oder später alles unter. Diese paar Strick-Tipps sind bei mir seitdem hängengeblieben, im übertragenen Sinn, versteht sich, nicht am Kleiderbügel.