
Einen Dienstagabend im November letzten Jahres werde ich nie vergessen. Draußen hat es geregnet, ich saß auf dem Teppich in meiner kleinen Wohnung in Augsburg und war kurz davor, meine Brother – die ich im Frühjahr 2025 für 60 Euro auf dem Flohmarkt geschossen hatte – einfach aus dem Fenster zu werfen. Um mich herum: ein Schlachtfeld aus Woll-Knäuel-Salat. Ich hatte mir so schöne Merinowolle gekauft, aber anstatt eines Schals produzierte ich nur Frust und Knoten. Mittlerweile, im Hochsommer 2026, weiß ich: Es lag nicht an mir und auch nicht an der Maschine. Es lag am Wickeln.
Warum das klassische Wollknäuel der Feind der Strickmaschine ist
Ich dachte am Anfang echt, ich könnte einfach die Wolle nehmen, die ich auch zum Häkeln benutze. Rein in den Fadenspanner und los geht’s. Pustekuchen. Wenn du mit der Hand strickst, ziehst du den Faden immer mal wieder locker nach. Die Strickmaschine ist da gnadenlos. Sie braucht einen absolut gleichmäßigen Fadenlauf. Wenn das Knäuel hüpft oder sich der Faden nur für eine Millisekunde verhakt, hast du den Salat.
Meine Brother ist ein Feinstricker mit einem Nadelabstand von 4.5 mm. Das ist schon ziemlich filigran, wenn man bedenkt, dass da 200 Nadeln auf dem Bett nebeneinander liegen. Wenn der Faden da nicht butterweich durchflutscht, merkt das die Maschine sofort. Ich habe in den ersten drei Wochen meiner Strick-Karriere mehr Zeit mit dem Entwirren von Knoten verbracht als mit dem eigentlichen Stricken. Ich habe bestimmt 15 Stunden nur damit verschwendet, Wolle von Hand wieder aufzuwickeln, weil der Schlitten mitten in der Reihe gestoppt hat.

Der Wollwickler: Mein bester Freund für 35 Euro
Nach etwa drei Monaten Übung, so um den Februar herum, habe ich eingesehen: Ohne Wollwickler geht es nicht. Ich habe mir so ein manuelles Teil mit Handkurbel besorgt. Das Ding sieht aus wie ein Küchengerät aus den 70ern, aber es ist Gold wert. Das Ziel ist es, einen sogenannten 'Cake' zu produzieren – ein flaches, zylindrisches Knäuel, bei dem der Faden aus der Mitte kommt.
Das rhythmische, leicht schleifende Geräusch des Handkurbel-Wicklers ist fast schon meditativ. Man kurbelt und schaut zu, wie sich die Schichten übereinanderlegen. Aber Vorsicht: Ich habe anfangs den Fehler gemacht, viel zu schnell zu kurbeln. Dann wird der Wickel ungleichmäßig. Man muss ein Gefühl dafür bekommen, wie man den Faden mit der linken Hand führt, während die rechte kurbelt. Es darf nicht zu locker sein, aber – und das ist mein wichtigster Tipp – auf keinen Fall zu fest.
Ich erinnere mich noch an einen Versuch mit einem sehr dünnen Industriegarn, Stärke NM 28/2. Ich wollte alles besonders ordentlich machen und habe den Wickel so stramm gezogen, dass er fast steinhart war. Das Ergebnis? Das Garn war so unter Spannung, dass sich das fertige Strickstück nach dem Abketten zusammengezogen hat wie eine Rosine. Ein totaler Reinfall.
Der Paraffin-Moment: Wenn es plötzlich flutscht
Anfang Februar hatte ich dann diesen einen Aha-Moment. Ich hatte gelesen, dass Profis ihre Wolle paraffinieren. Ich dachte erst: Was? Wachs an meine schöne Wolle? Aber als ich es ausprobierte, war es ein Unterschied wie Tag und Nacht. Man hält beim Wickeln einfach einen kleinen Block Paraffin (oder ein Teelicht, aber ein echter Wachsblock ist besser) so, dass der Faden darüberläuft.
Das Gefühl von glattem, gewachstem Garn zwischen den Fingerspitzen ist toll. Es fühlt sich fast ein bisschen fettig an, aber man sieht es der Wolle nicht an. In der Maschine bewirkt es Wunder. Der Schlitten gleitet plötzlich über die Nadeln, als wären sie eingefettet. Früher musste ich richtig Kraft aufwenden, heute schiebe ich ihn fast mit dem kleinen Finger. Das Paraffin reduziert die Reibung in den Nadeln enorm. Wenn man bedenkt, dass ich für den Wachsblock nur ein paar Euro ausgegeben habe, war das die beste Investition seit dem Kauf der Maschine selbst.

Die 'Loose-Cake'-Philosophie: Warum locker das neue Fest ist
Jetzt kommt der Punkt, den ich auf die harte Tour lernen musste. In vielen Foren liest man, der Wickel müsse perfekt aussehen. Aber entgegen der gängigen Meinung ist ein perfekt straffer Wickel oft kontraproduktiv. Wenn du das Garn zu fest wickelst, nimmst du ihm die Elastizität. Die Wolle wird quasi 'vorgedehnt'. Wenn sie dann verstrickt wird und später wieder entspannt, verzieht sich das ganze Maschenbild.
Heute wickle ich so locker wie möglich. Der 'Cake' darf ruhig ein bisschen wabbelig sein, solange er stabil steht. Das sorgt dafür, dass die Fadenspannungseinheit der Maschine – dieser lange Drahtarm oben – gleichmäßig arbeiten kann. Wenn der Faden aus einem zu festen Knäuel 'reißt', schlägt der Drahtarm aus und du bekommst ungleichmäßige Randmaschen. Das ist mir so oft passiert, bis ich verstanden habe: Die Wolle braucht Freiheit!
Ich habe mittlerweile gelernt, dass die Vorbereitung oft länger dauert als das Stricken selbst. Letzte Woche am Küchentisch habe ich zwei Stunden lang Wolle gewickelt und paraffiniert, nur um dann in 20 Minuten ein Vorderteil fertig zu haben. Aber diese zwei Stunden retten mir den Feierabend. Es gibt nichts Schlimmeres als das laute Krachen, wenn der Schlitten mitten in der Reihe stecken bleibt, weil sich der Faden im Inneren des Knäuels verheddert hat. Da bekommt man echt Herzrasen, weil man Angst um die Nadeln hat.

Mein Fazit aus dem Lerntagebuch
Wenn ich heute in mein Lerntagebuch schaue, sehe ich, wie weit ich gekommen bin. Im ersten Monat: 'Woche 3: Wieder alles vertüddelt, 4 Stunden Arbeit für die Tonne'. Heute steht da: 'Vorbereitung läuft, Paraffin ist der Retter'. Ich bin immer noch keine Profi-Strickerin, ich mache immer noch Fehler. Aber ich weiß jetzt, dass die Vorbereitung die halbe Miete ist.
Manchmal, wenn ich am Wochenende Zeit habe, probiere ich auch kompliziertere Sachen aus. Zum Beispiel habe ich letztens gelernt, wie man Maschen umhängen mit dem Deckerkamm meistert, was viel einfacher ist, wenn das Garn vorher ordentlich vorbereitet wurde. Wenn die Wolle nicht flutscht, wird jeder Handgriff an der Maschine zur Qual. Wenn du also gerade erst anfängst: Kauf dir einen Wickler, besorg dir Paraffin und lass die Wolle locker. Dein Schlitten (und deine Nerven) werden es dir danken.
Und falls du dich fragst, ob man das Paraffin später im Pulli merkt: Nein, das wäscht sich bei der ersten Wäsche komplett raus. Was bleibt, ist ein gleichmäßiges Maschenbild, auf das man stolz sein kann – auch wenn man wie ich eigentlich nur eine Bürokauffrau ist, die nach Feierabend ein bisschen mit alter Technik zaubern will.