
15. Januar 2026. Ich sitze hier in meinem Wohnzimmer in Augsburg, draußen ist es grau und ich starre dieses 15 Kilo schwere Metallmonster an. Meine alte Brother, die ich letztes Jahr für 60 Euro auf dem Flohmarkt ergattert habe, sieht mich heute besonders hämisch an. Warum bin ich nicht einfach beim Häkeln geblieben? Da braucht man nur eine Nadel, ein bisschen Garn und keinen Ingenieursabschluss. Aber nein, Marlies wollte ja unbedingt das Maschinengestrick.
Der Plan: Ein einfacher Schal (was sonst?)
Nachdem ich die ersten drei Wochen eigentlich nur damit verbracht habe, gigantische Woll-Berge zu produzieren, die eher nach verunglückten Vogelnestern als nach Kleidung aussagen, habe ich mir ein Herz gefasst. Ein Schal muss es sein. Einfach nur geradeaus. Keine Löcher, keine Muster, kein Schnickschnack. 50 Maschen breit, Maschenweite 7, und dann einfach kurbeln – oder schieben, in diesem Fall. Mein Ziel: Etwas produzieren, das man theoretisch um den Hals tragen kann, ohne dass die Leute fragen, ob ich einen Unfall mit einem Fischernetz hatte.
Ich habe mir vorgenommen, für mein Lerntagebuch alles genau zu dokumentieren. Bis heute habe ich knapp achtzig Euro ausgegeben: 60 Euro für die Maschine und etwa 20 Euro für ein paar Knäuel Wolle. Das klingt erst mal nach einem Schnäppchen, aber wenn man die Nerven-Kosten dazurechnet, wäre ich wahrscheinlich bei einem vierstelligen Betrag. Aber hey, wir sind hier, um zu lernen, oder? Ich bin keine Profi-Strickerin und werde es in diesem Leben wohl auch nicht mehr, aber ich will wenigstens verstehen, warum dieses Ding macht, was es macht.

Tipp 1: Die Sache mit der Wolle (Der Anfänger-Geheimtipp)
Hier kommt meine erste große Erkenntnis, die wahrscheinlich jeder Profi belächelt, die mich aber fast den Verstand gekostet hätte: Nehmt für den ersten Versuch bloß nicht die teure, handgefärbte Merinowolle vom Edel-Laden um die Ecke. Ich habe für meine ersten Versuche einfaches, leicht elastisches Acrylgarn genommen. Und wisst ihr was? Es ist perfekt für den Anfang.
Vergiss die teure Markenwolle für das erste Projekt. Billiges Polyacryl verzeiht Strickfehler und ungleichmäßige Fadenspannung deutlich besser als hochwertiges Naturmaterial. Naturwolle reißt schneller oder verhakt sich in den Nadeln, wenn man – wie ich – noch nicht den perfekten Schwung im Handgelenk hat. Das Acryl rutscht einfach besser über das Metall. Es fühlt sich ein bisschen an wie der Unterschied zwischen Butter und kaltem Schmalz in der Pfanne. Wenn du dich fragst, was du in deine Maschine füttern sollst, schau dir mal meine Notizen dazu an, welche Wolle für die Brother Strickmaschine am besten funktioniert, gerade wenn man noch keine Ahnung von Garnstärken hat.
Das metallische Klicken und der Geruch nach 1980
Wenn ich die 50 Nadeln in die Arbeitsposition schiebe, gibt es dieses ganz spezifische Geräusch. Ein metallisches Klicken, untermalt vom Geruch nach altem Maschinenöl. Es ist fast meditativ, wenn es denn mal läuft. Bevor ich überhaupt den ersten Faden angefasst habe, musste ich die Maschine erst mal gründlich reinigen. Wollstaub von 1985 ist nicht gerade förderlich für den Workflow, sag ich euch. Das war ein Wochenende voller Wattestäbchen und öliger Finger.
Zum Anschlagen habe ich den Wickelanschlag benutzt. Das ist im Grunde, als würde man kleine Schlaufen um jede Nadel legen, wie man es beim Schnürsenkelbinden macht, nur eben 50 Mal hintereinander. Es dauert ewig, aber es hält bombenfest. Ich dachte: „Marlies, das hast du im Griff.“ Ich habe mich sogar richtig profimäßig gefühlt, als ich den Faden durch die Spannungsfeder geführt habe. Es war wie in diesen YouTube-Videos, nur dass bei mir die Kamera gewackelt hat und ich zwischendurch Kaffee über meine Anleitung geschüttet habe. Falls du auch so kämpfst, ich hab meine Erfahrungen zum Wickelanschlag an der Strickmaschine mal zusammengeschrieben – Spoiler: Es war nicht Liebe auf den ersten Blick.
Die Katastrophe im Februar: Wenn alles runterfällt
Anfang Februar, ein Dienstagabend. Reihe 142. Ich war gerade so richtig im Flow. Der Schlitten glitt hin und her, ich habe schon von meinem fertigen Schal geträumt, wie ich ihn stolz im Büro trage. Und dann passierte es. Ein hässliches, kratzendes Geräusch. Der Schlitten blockierte. Ich, ungeduldig wie ich bin, habe einmal kräftig geruckt. Ein Fehler. Ein riesiger Fehler.
Das Geräusch, wenn der Schlitten plötzlich leer über die Nadeln gleitet, weil der Faden gerissen ist und das ganze Stück – alle 142 Reihen – einfach auf den Boden klatscht... ich kann es euch gar nicht beschreiben. Es ist, als würde man einen frisch gebackenen Kuchen aus der Form stürzen und er zerfällt in tausend Krümel auf dem Küchenboden. Ich saß erst mal weinend vor der Maschine. Ich saß da und dachte: Warum zur Hölle passiert das jetzt? Falls dir das auch passiert und du kurz davor bist, das Ding aus dem Fenster zu werfen, ich hab mal aufgeschrieben, warum meine Strickmaschine ständig Maschen verliert – das hat mir echt den Arsch gerettet, weil ich danach wusste, dass es fast immer an der falschen Spannung liegt.

Was ich daraus gelernt habe: Gewichte sind dein bester Freund
Nachdem ich mich beruhigt und drei Stunden lang geribbelt habe (also die Wolle wieder aufgewickelt, was eine ganz eigene Art von Hölle ist), kam die Fehlersuche. Mein Problem? Ich hatte keine ordentlichen Gewichte benutzt. Beim Stricken an der Strickmaschine muss das Gestrick nach unten gezogen werden, damit die Nadeln die Maschen nicht wieder mit nach oben nehmen. Da ich keine Original-Gewichte bei meinem Flohmarkt-Fund dabei hatte, musste ich kreativ werden.
Ich habe kurzerhand in die Werkzeugkiste in der Garage gegriffen. Ein paar schwere Muttern an großen Büroklammern taten es auch. Es sieht absolut provisorisch aus, fast schon ein bisschen peinlich, wie eine Bastelarbeit aus dem Kindergarten, aber es funktioniert! Ohne diesen Zug nach unten macht die Maschine einfach, was sie will. Es ist wie beim Backen: Wenn der Teig nicht schwer genug ist, geht er nicht auf – oder so ähnlich. Auf jeden Fall ziehen meine Muttern jetzt den Schal nach unten und der Schlitten schnurrt plötzlich viel friedlicher.
Meine Zeit-Bilanz bis zum fertigen Schal:
- Etwa 5 Stunden Fehlersuche: Warum klemmt der Schlitten? Warum fällt die Masche? (Spoiler: Es war fast immer die Fadenspannung oder fehlende Gewichte).
- Gefühlte 3 Stunden Ribbeln: Wolle entwirren, nachdem mal wieder alles als Klumpen auf dem Boden lag.
- Knapp 7 Stunden effektives Stricken: Die reinen 800 Reihen, die ich am Ende für ca. 1,60 Meter Länge gebraucht habe.
Insgesamt habe ich also etwa 15 Stunden für einen Schal gebraucht, den ich im Laden wahrscheinlich in fünf Minuten für zehn Euro gekauft hätte. Aber dieser Schal gehört mir. Er riecht nach Erfolg (und ein bisschen nach Nähmaschinenöl). Wenn man das auf den Stundenlohn einer Bürokauffrau umrechnet, ist das der teuerste Schal von ganz Augsburg, aber das ist mir egal.
Der Abschluss im März: Maschen bändigen
Endlich. Reihe 800 war geschafft. Aber wie kriegt man das Ding jetzt von der Maschine, ohne dass sich alles wieder auflöst? Das Abketten war meine nächste Panik-Hürde. Ich habe die Maschen ganz vorsichtig mit meiner vertrauten Häkelnadel abgekettet – das ist die einzige Technik, bei der ich mich nicht wie ein Elefant im Porzellanladen fühle. Als das Stück Metall endlich von der Maschine fiel, war ich so stolz, ich hätte es fast eingerahmt. Falls du dich auch fragst, wie man das Ende sauber hinkriegt, lies dir meine Anleitung zum Maschen abketten an der Strickmaschine durch, da erkläre ich das Schritt für Schritt für Leute wie uns.
Klar, die Kanten rollen sich ein bisschen ein – das ist bei glatt rechts gestrickten Sachen wohl normal, wie ich jetzt weiß – und an einer Stelle habe ich eine Masche verloren, die ich später mit der Hand und viel gutem Zureden wieder hinkonstruiert habe. Aber für knapp achtzig Euro Gesamtkosten und eine Menge Nerven habe ich jetzt mein erstes echtes Projekt in den Händen. Es ist kein Meisterwerk, aber es ist ein Anfang.
Wenn du auch gerade erst anfängst: Lass dich nicht entmutigen. Wenn ich das mit meinen zwei linken Händen schaffe, schaffst du das auch. Man muss nur lernen, den Frust wegzulächeln und sich nicht von einer Maschine aus dem Jahr 1985 einschüchtern zu lassen. Nächste Woche versuche ich mich an etwas mit zwei Farben. Drückt mir die Daumen, wahrscheinlich produziere ich wieder erst mal nur einen riesigen Wollknoten, aber so lernt man es eben!